Fühlst du die Welt

Im Kleinen und Grossen und Grossen und Ganzen finde ich mich wieder in meiner Belanglosigkeit auf dieser Welt. Meine Existenz ist begrenzt, bestimmt von einer grausamen Konzeption von Zeit, die alles zu Nichte zu machen weiss und vor nichts zurück schreckt. Zeit, was ist das schon? frage ich mich und laufe voran, grad aus und immer weiter. Wir haben sie erfunden, um uns zu fügen und zu lenken.

Doch, dann und wann, wenn ich nicht mehr daran glaubte, dass es nur eine Erfindung gewesen ist, kommen diese Momente, in denen Sekunden wie Tage scheinen und Stunden verfliegen wie Sekunden es doch sonst nur tun. Ein Augenaufschlag und ich war plötzlich in einem anderen Leben, hunderte Leben später, als das erste, das ich einst lebte. Ein Kuss, Millisekunden in denen nur winzige Berührungspunkte unserer Körper auf einander trafen und doch durchfuhr es mich, es packte mich und schrieb sich in mich ein, in meine Seele und mein Herz und liess alle Zeit stehen bleiben, als gäbe es das Davor und das Danach gar nicht mehr.

Die Blicke tauschten aus, was keine Worte zu sagen vermochten und jede Berührung, jedes Streichen der Finger, die Wärme auf meiner Haut, das Kitzeln der Zehen, eng umschlungen, fast verbunden, sagte so viel mehr – und trotzdem, nie genug. Ich spürte alte Narben auf meinem Herz, sie sind aus anderen Leben, aus vergangenen Zeiten, und sie wollten mich erinnern; an irgendetwas, das ich längst vergessen hatte.

Doch unbeirrt folgte ich meiner Intuition, hörte auf meinen Bauch und liess alles zu, um zu fühlen. Du musst wissen, wie sich die Welt anfühlt, um fühlen zu können. Du musst berühren, um dich berühren zu lassen.

Ganz tief in mir wusste ich das. Ganz tief in mir habe ich gehofft, dass es dir genauso erginge. Ganz tief in mir habe ich dieses vergängliche Konzept unserer Existenz verraten und habe es einfach an die Wand gestellt, zu den anderen Dingen, die mich nicht erfüllen können. Zeit, was tue ich ohne dich?

200817

zu früh

zu früh

Vielleicht ist es feige, vielleicht ist es zu einfach – aber weiter wird dieser Weg nicht führen. An der Gabelung dort vorn, werde ich in eine andere Richtung ausweichen. Wieder auf meinen Weg zurück, der nur mich führen soll, wie es von Beginn der Plan gewesen ist. Ich weiss schon, es tut weh. Und ich weiss auch, es ist nicht fair. Aber das Leben, wie es spielt, wie es sich entwickelt, vorantreibt und wächst, ist eine unvorhersehbare Mischung aus Gewollt und Gekonnt. Aber wenn beides nicht zusammenpasst, wenn es nicht stimmt und dieser kleine Funke nicht überspringt, kann man das Glück nicht erzwingen. Gewiss habe ich nun Zorn auf meiner Seite, vielleicht gesellen sich auch Unverständnis, Wut und Bitterkeit dazu. Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, ach meine ständigen Begleiter, verschwanden ja gar nicht erst.

Vom Schicksal herausgefordert, duellierend zwischen Schmerz und Neuanfang, Aufgeben und Lächeln; vereint sich in mir ein bittersüsser Geschmack von Einsamkeit mit der Gewissheit, dass es weiter gehen wird, bis ich da ankomme, wo ich nur mich selbst bin und wo mir genau das ausreichen wird. Noch ist es vielleicht zu früh, noch habe ich das nicht kommen sehen. Noch konnte ich nicht mit gutem Gefühl sagen: ich bin da.

Doch auf dem Weg, dort vorn vielleicht, links oder rechts ab von der Gabelung; vielleicht führt es mich schon bald dorthin, an einen Ort, an einen Menschen, an mich selbst; wo es völlig ausreicht, ich zu sein – um zu verdoppeln oder zu verdreifachen, den Einsatz, der sich für alle Liebe lohnt. Ich weiss es ja, zu früh um genau zu sein, zu spät um es bei einer Entschuldigung zu belassen. Wohin auch immer mich der Hasenbau führen wird, ich krieche weiter, ich lasse nicht ab von dir, weisses Kaninchen, dass du mir bereits begegnet bist; nimm mich an die Hand und führe mich – in dein Wunderland.

310817