Kein grosser Verlust

Ich sitze und das Leben zieht vorüber. Wenn ich hinaus blicke, sehe ich die Oberleitungen der Züge und höre das Vorbeirauschen abertausender Menschen, jeden Tag.

Der Kater scheint unbeeindruckt. Es rattert und knallt. Er frisst und schläft, gewohnt, tagein – tagaus. Kein Groll gegen all das Leben, das beginnt. All das Leben, das hinter den Schienen weitergeht.

Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe keinen Hass, davon gibt es ja schon genug auf der Welt. Es ist alles abgelegt, es ist verziehen, vergessen und vergeben. Es war kein grosser Verlust.

Der Mond zieht langsam auf, nicht mehr in seiner Gänze. Doch fühle ich mich fast erleuchtet, fast geblendet. Sein Schein lässt selbst von den kleinsten Kieseln grosse Schatten werfen – fast so, wie im echten Leben.

Ich habe meinen Frieden, gefunden in deinen Augen. In deinen Armen. Wenn du mich halten kannst. Gegangen bin ich, abermillionen Wege, bis zu diesem Punkt. Umkehren war nie eine Option.

Der leuchtende Schriftzug dahinten, das milchige Weiss auf rostrotem Grund der Industrien, hier wo mein Leben voran zieht. Tiefes Ausatmen und ein schneller Blick nach oben, Wolken und Lichterschein der hell erleuchteten Stadt.

Ich finde mich zurecht in mir. Und ich bin mir selbst genug. Das ist alles, was ich sein wollte und alles was ich sein muss. Und vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist – an der Wegegabelung, die vor mir verläuft und mahnend fragt: wie weit kannst du noch?

Der erhabene Moment von Freiheit. Entschieden.
Gelebt. Geliebt. Geweint. Gewonnen – Freiheit im Herzen, Freiheit im Sinn. Darum, genau darum, muss ich nicht entschuldigen, wer ich eigentlich bin.

110817

Nachtduft

Gerade jetzt im Sommer kommt dieses wiederkehrende Gefühl. Es ermannt sich, es überrennt mich. Mit einem tiefen Atemzug und dem Blick in den Nachthimmel zerreisst es mich fast. Ein Junikäfer setzt sich an meinen Fenstersims, als wollte er von der Welt da draussen erzählen. Von dem, vor dem ich mich gekonnt verstecke und verkrieche, in meiner Höhle der Einsamkeit, in meinem wohlbekannten Loch der unerträglichen Leichtigkeit. Mit den Klängen Mahlers zu vergleichen, ein ständig ansteigendes Tönen der Geigen, läuft es mir eiskalt entlang, stellt jedes Härchen einzeln auf und bringt mich in vagen Träumen doch zu dir. Zu dir, wie in jener Nacht, in diesen Nächten, vor all den vielen Jahren, vor all den Jahrtausenden, in denen ich glaube, dich geliebt zu haben. In diesem Leben begegnest du mir, jetzt und immer wieder, wir finden zusammen, mit all der Tragik, all der Unschuld eines längst vergessenen Traums. Gross und weit und sternenklar erstreckst du dich über mir, wie das Universum legst du dich zu Grunde, der Beginn allen Übels und der Träumenden gewisser Morgen. Mit all dem Funkeln und Glitzern, wie das immer neue Anschlagen der Klaviatur zu meinem persönlichen Wohlbefinden, ergänzt du erhaben meinen trotzigen Abend. Erhellend leuchtet der Mond, keine ganze Drehung ist ihm vergönnt, und doch wissen wir, doch sehen wir, er ist dort oben und alles kreist und dreht und wendet sich, wie es das womöglich schon immer getan hat. Über all die vielen Epochen, jede einzelne Ära und die Unglaublichkeiten, in denen meine Seele zu dir blickte und dich verehrte und vergötterte. Meine Seele, mein Menschsein, mein Wunschtraum offenbart sich in dir und deiner überschwänglichen Grösse, dich über mir aufzuspannen, wie ein seidenweicher tiefdunkelblauer Teppich aus Nacht. Deine Kühle lässt einen Schauer über mich hernieder, deine Sanftheit beruhigt mich gleichzeitig. Und keinen Kuss entfernt, berührt der Duft deiner sommerlichen Frische meine Haut und meine Lippen. Ich ergebe mich deiner Stille, deiner Einsamkeit und deiner entsetzlich einfachen Schönheit. Wenn ich durch dich hindurch wandere, ist es wie schweben; es ist wie ein Wandeln im Traum und in der Unwirklichkeit. Und du nimmst mich. Immer wieder, nimmst du mich auf, in deine alles beschützenden Arme. In deine unsägliche Traurigkeit, in deine gnadenlos Tiefe. Und so gehe ich, immer und immer wieder – in die Nacht.

030717

Drückende Schwere

Drückende Schwere.

Der Gegensatz zu vorheriger Schwerelosigkeit.

Das Gefühl des tiefen, inneren Zweifels mit sich selbst.

DAS STEHENBLEIBEN.

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Allein.

Die Welt, die sich in Zeitlupe vor sich herbewegt.

Fragen.

MENSCHEN, DIE SICH IN IHNEN WIEDERFINDEN.

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Bewegte Bilder, die Stillstand versprechen.

Unaufhaltsam läuft sie davon.

Zeit.

DIE WELT RENNT HINTERHER.

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Und wieder von vorn.

Der neue Tag.

Das Morgenrot.

120711

An der Tränke

An diesem Morgen ist es warm und lau, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen heraus. Der Wind trägt die leichten Wolken durch den Himmel. Und der Himmel dazwischen, zwischen den Wolken, er ist noch rosa und wird langsam zu blau. Ich sitze am Fenster und blase den Rauch aus meinen Lungen hinaus. Es wird ein schöner Tag. Ich huste kurz, an der ersten Zigarette ist es meist schlimm. Dann verstumme ich, höre ein paar kleine Vögel und dann zerschellt schrill eine Bierflasche und ich höre das Gröhlen eines Penners im Bogengang vorn an der Kreuzung. Der Samstag beginnt.

Ich ziehe mich an, vom Morgentau ist mir noch frisch. Alles steht und legt sich mit den Kleidern auf meiner Haut wieder nieder. Heute ist es blau. Der Tag beginnt schleppend, niemals stehe ich sonst so früh schon auf. Aber heute muss ich dorthin. Ich muss es sehen und spüren, ich will es atmen und eins werden. Ich schreibe einen Zettel „bin spazieren“ und sage Bescheid, sodass trotzdem niemand weiss, wo ich bin. Niemand würde fragen. Alles ist so einfach und alles ist so leicht. Der Kater von gestern Nacht verfliegt mit jedem Stück des trockenen Brots, den grössten Teil habe ich auch vor dem Schlafen schon weggebracht. Es war eine reichlich versiffte Nacht, wir tranken und kotzten, wir lachten, wir weinten; alles in allem ein ruhiger Freitag. Und jetzt stehe ich schon in der Küche, noch eine Zigarette, zwei Schluck vom kalten Kaffee. Ich nehme die zerlotterte Tasche und schwinge sie mir um, schlüpfe in die ausgelatschen Schuhe und laufe raus aus dem Haus. Im Flur riechts nach Gras und ich weiss schon, dass die oben in ihrem Wahn liegen. Die Katze kommt mir entgegen, völlig entgeistert – klar, um die Uhrzeit komm ich sonst nach Hause. Jetzt gehe ich schon los. Verkehrte Welt. Aber heute muss ich unbedingt dorthin.

Ich gehe raus und sehe eine neue Welt, die ich nicht kenne. Andere Uhrzeit, anderes Leben. So viele Menschen, die emsig einen Tag bestreiten, der für mich fast ausschliesslich im Bett ausgetragen wird. Tante Erika, die jeder so nennt, und niemand mit ihr verwandt ist, schiebt mit ihrem Fahrrad vorbei, auf dem Weg zum Markt. Franky radelt, den Kopf chronisch seitlich geneigt, an mir vorüber und nickt mir ein Guten Morgen zu. Ich schaue mich um. Hamster steht gegenüber an seinem Eck und sammelt die Bierflaschen auf, die letzte Nacht liegen geblieben waren. Er ist ein liederlicher Kerl, mit dem ich mich niemals anlegen wollte. Ich kann ihn kaum grüssen, weil er mir unnahbar gegenüber tritt – nur ein falscher Blick würde vermutlich reichen. Meine Schuld waren gebrochene Herzen von irgendwelchen Bekannten. Und ich stehe hier, sehe dem Treiben zu und will nur wieder hoch und mich verkriechen. Aber heute nicht. Ich habe ja ein Ziel.

Ich entscheide mich nach links zu gehen, erstmal runter zur Pennerbank. Ich bin erstaunt, denn unten am Übergang zum grossen Fluss bekommt der Name heute doch zum ersten Mal eine ehrwürdige Bedeutung: sie schlafen wirklich dort. Es war auch lau heut Nacht. Der Sommer meinte es gut mit ihnen. Sie stinken und sind dreckig und haben klebrige Haut und tiefschwarze Fingernägel. Ich grüsse, sie schauen nicht mal hoch. Der Rausch vom Freitag hängt ihnen nach. Ich überquere also gewohnt die Schleusenbrücke und sehe schon die Weite der Wiesen und den kleinen Deich. Das Bootshaus links und ansonsten nur Wiesen und Bäume und Grün, so satt und kräftig, verbunden mit dem frischen Morgen; meine ganz neue Welt. Ich laufe, in meinem natürlichen Schritt, ich werde schneller und bin freudig erregt. Ich gehe auf die Bäume zu, ich laufe auf dem Deich; Schritte, die ich schon hunderte Male gegangen war. Und trotzdem war es so anders. Ich sehe rechts ab die Badestelle jener entlegener Sommer, die wir schon hinter uns hatten. Manch einer ertrank darin, manch einer verliebte sich in anderen Nächten. Manchmal lagen wir wie die Maikäfer auf dem Rücken und ergötzten uns an der Schönheit der Nacht und der Unmöglichkeit nach der ganzen Flasche noch auf die Beine zu kommen. Wir waren völlig verloren. Ich laufe weiter und schiebe die Erinnerungen beiseite. Die Bäume rauschen im Wind und der Fluss prescht links vorbei. Ich liebe dieses Fleckchen Erde. Und schon so viele der Grossen wussten ihre hiesigen Wanderungen zu Papier zu bringen. Ich bin kein Fontane, aber immerhin fühle ich diesen Moment so echt und klar und grossartig, dass mir nicht mal der restliche Alkohol zusetzt. Also laufe ich. Beim Versuch so wunderbar tief zu atmen, muss ich leider meinem Raucherhusten den Vortritt lassen und kotze nochmal fast. Aber ich beruhige mich zum Glück wieder, niemand kam vorbei. Ich laufe bei Onkel Tom runter vom Deich und nehm die Abkürzung quer durch die Wiese. Ich habe ja mein Ziel. Noch ein paar Meter mehr, noch ein Stückchen weiter. Den Weiher kann man kaum noch sehen und die Stadt wirkt jetzt so gleich und fernab. Ich fühle mich so gut, denn hier wird niemand sein. Niemals. Und grade aus, ich gehe darauf zu. Ich sehe die grosse Weide stehen, ungestüm spendet sie Schatten, den ich heute unbedingt brauche. Ich klettere über die Eisenstreben und schlüpfe hinein auf mein kleines Stückchen behutsamen Landes. Und hinten an der Ecke, kurz vor Schluss, links vom Baum, da steht sie. Verrostet und unbrauchbar, eine alte Badewanne. Sie diente einst als Tränke, als hier noch Kühe standen. Niemand braucht sie jetzt, niemand kennt ihren Nutzen. Und niemand kommt her, um nochmal nachzusehen, ob sie noch ist. Ich lege mich auf den abschüssigen Hang unter der Weide. Die Tränke im Rücken, das weite Feld vor mir. Ich denke an Vater Briest und sein weites Feld. Das muss er gemeint haben, als er nicht mehr zu erklären im Stande war, was seiner Tochter für Fragen kamen. Ich liege hier im Gras, es duftet nach trockenem Sommer und aufgehendem Morgen. Der Tag ist jung. Ich wünschte, ich würde ewig sein. Ich zünde eine Kippe an und ziehe ein paar schnelle Züge, drücke sie aus und schnippe sie weg. Die Weide steht unverändert und ihre rauschenden Äste und Blätter singen ein Lied und beschützen mich hier in der Abgeschiedenheit. Mein liebster Ort. Hier begrabe ich all meine Träume, hier lasse ich alles zurück.

060417

Massgeschneidert

In einer klaren Winternacht, da hat sich ihr Weltenbild völlig gedreht und sie hat es allen Ernstes vollbracht, sich selbst so zu verraten, dass ein Schritt zurück keinen Unterschied mehr machte. Eine klare Winternacht vor diesen Jahren und viele Worte, viele Fragen, und eigentlich sprach sie sie nicht für sich und doch brachte sie sie hervor – und sie erklungen in des anderen Ohr. Es schmerzte ihr, es tat so weh, denn niemals verlor sie sich in einem Streit mit ebendiesem, denn mehr als Liebe konnte sie ihm nie antun und nun und nun – nun sprach sie und sie schrie förmlich, etwas, was sie von sich selbst nicht kannte und an sich auch nicht mochte, denn das tat ja nur der Hundsverlochte. Und doch, so stand sie da, wie in einem Wahn und schrie die andere Hälfte an, schob Schuld und Lasten hin und her, wollte doch eigentlich nur raus und fort; sie wollte gar nicht mehr. Sie erkannte sich selbst nicht mehr und ihr wurde das Herz so schwer, nie hatte sie diese Hälfte so verletzt und sich selbst damit gleich in einen unmöglich verbauten Ausweg gesetzt. Keine Flucht war mehr zu denken, kein Entkommen aus diesen Wänden und Gelenken. Wie gefangen sass sie da, tränenüberströmt und arm, klein und zu tiefst betroffen, flüchtete sich in Träume, die sich real anfühlten und fing irgendwohin an zu hoffen, dass dies einmal ein Ende haben würde – nahm aber doch nicht den Mut, überwand nicht diese überflüssige und aufgebürdete Hürde. Sie sagte sich selbst, dass würde er ihr nie verzeihen, denn ihre Worte waren nicht alle wahr und gar und ach auch nicht so schlimm, doch der Eine drehte alles so, wie er es für sich Nutzen machte, alles in seinem Sinn. Früher, dachte sie, sagte einmal eine Frau zu mir „Du bist ein schönes Kind, und nicht dein Haar und deine Augen, nicht die Hüften oder deine Lippen sind hiermit gemeint; nein, du bist ein schöner Mensch, denn von innen her strahlt da ein ganz besonderer Schein“. Und sie dachte daran und fühlte diese Worte, die sie erst heute verstand – als sie nicht mehr schön war, kein schöner Mensch hätte je so gesprochen und geschrien und es wunderte sie nicht, wurde ihr nicht verziehn. Seither versucht sie, ihre Schönheit wieder zu finden; das innere Strahlen zurück zu gewinnen, und Worte fallen ihr so schwer, wie immer schon; das ist die ganze Wahrheit und ein einziger Hohn. Der Eine nutzte das aus und provozierte das Geschrei, dass der anderen Hälfte so zusetzte, damit sie sie und sich selbst damit dermassen verletzte, dass sie nicht mehr gehen konnte – denn er machte ihr wissen, dass sie nur ihn hatte und niemand anderen. Und sie verharrte und erstarrte, sie versuchte nichts und blieb stumm stehen und wusste klar: Wohin sollte ich auch gehen? Niemand würde mich verstehen, niemand wird mir je verzeihen. Also muss ich mich fügen und in mein nun gewähltes Schicksal einreihen. Er machte sie sich massgeschneidert, wie einen Anzug, und sie trug ihre Maske, die sie erdrückend fand und abgrundtief hasste. Wie konnte einer, der die wahre Schönheit in ihr erkannte, nur diese Maske lieben; wie konnte er zulassen, dass sich all die zahlreich und bunten Facetten in ihr zu einem Grau vertrieben? Jede Phantasie wich der Struktur und jedes Lachen quälte sie denn nur, sie wusste nicht einmal warum sie sich dem hingab, doch irgendwann führte alles nur noch bergab und weiter und weiter in die Scheisse rein, sie konnte nicht mehr zurück gehen und wusste nicht mehr, wie sie selbst zu sein.

290317

Traumtanz

Wenn die Wellen höher schlagen, als dein Herzschlag es erlaubt; wenn die Gefühle sich übertragen, durch alle Zeit und Raum; wenn die Entfernung sich von dir entfernt und langsam aber sicher aus irrem Zufall und ohne Grund dein Herz dir wärmt – dann solltest du verstehen, dass es ein kleiner Traum ist in dem du beginnst dich langsam zu drehen. Und alle Worte fallen dir so leicht, die Sprache ist ganz gleich, und auch der Ausdruck ist ganz egal – du findest wieder zu deinem Herzen zurück, so leicht und ohne jede Qual. Du springst mitten hinein und du merkst es nicht, du drehst dich immer schneller und aus Bewegung und Licht und Schatten – mitten in diesem Wirrwarr von Denken und Fühlen, ersiehst du plötzlich und unscheinbar dieses wunderschöne Gesicht und es strahlt dich an und es lächelt, ehrlich, es lächelt, behutsam und die Augen leuchten mit Wahrheit erfüllt und du hast nur gewünscht und gehofft, irgendwo in dir drin auch gewusst, dass du es irgendwann fühlst und siehst und dass es diesen Menschen geben muss. Du spürst, wie sich deine Mundwinkel etwas heben, immer bei diesem Gedanken daran. Du spürst, wie die Röte dir ins Gesicht geht, mit jeder Silbe, jedem Wort. Und du träumst dich dorthin, du wünschst dich einfach ein Stückchen näher, eine Minute schneller, an diesen dir unbekannten und unverhofften Ort. Deine Phantasie lässt ihn auferstehen, diesen Traum, du siehst und spürst und verwachst schon kaum noch und gehst einfach weiter und lässt dich treiben, heiter und vergnügt, bis der Traum dich fasst und mitzieht und die Ebenen wechselt; sodass es dir schwer wird im Gemüt. Du verwachst und wachst doch nicht auf, du hoffst und gibst auch schon auf, bevor begonnen hat, was noch nicht war, und du fühlst mit einer Klarheit und kennst ja doch die bittersüsse Wahrheit vom Wegsein und vom Vermissen schon. Trotzdem tanzt du diesen Traum, denn wer sollte es dir verbieten, wer kann es dir vermiesen, das Schöne und Süsse so zu vermissen, mit deiner überschwänglichen Leidenschaft, hast du dich in diese unsagbare Gefahr gebracht, dich zu verlieben, was du nur durch Worte kennst – mit der vornweg geschriebenen Warnung, dass du dich vielleicht verrennst. Und doch und ach und sowieso, was macht es schon, macht es dich froh. Wohin sollt der Weg auch führen, tausend Bilder, immer diese Augen, die dir deinen Atem rauben und ein Lächeln, das vor Frohsinn nur so strotzt; kein Wunder, dass du aller Vernunft hier trotzt. Du vermisst eine Wärme, die du noch nie spürtest und trägst es mit dir, wie ein tolles Geheimnis, das du mit Sorgfalt hütest. Und keiner kann es dir nehmen, du hörst dich nicht auf zu drehen, du siehst es verschwommen, aber stetig weiter auf dich zukommen und kannst es kaum erwarten, raubt die Faszination dir fast den Atem; lässt dich treiben und lässt dich gehen, kannst das Glück schon in weiter Ferne sehen und du führst ihn weiter, tanzt deinen Traum, lässt dich führen, ohne Zeit und Raum; nur von diesem Lächeln, was er dir schenkt, als hätte ihn dein Herz gelenkt.

260317 

 

Scheinbar

Es macht keinen Unterschied. Die silberne Münze bleibt immer dieselbe, auch wenn das Licht anders darauf zu fallen droht. Immer strahlt sie das zurück, was auf sie scheint und trennt dann das, was sie einst vereint.

Es ist immer das Gleiche, nur mit einem anderen Schein. Ein anderer Lichtkegel auf einer anderen Oberfläche, von oben oder von unten. Was spielt es für eine Rolle?

Es macht keinen Unterschied. Das Böse und Gute, man hält es sich zu Gute und am Ende eines jeden Lichtes folgt der grobe Schatten eines Bösewichtes.

Oder klar gesagt, es könnt schon sein, dass mein Fehler der ist und das wird er immer sein. Er gehört immer mir und er ist unendlich schwer, er zieht mich herunter und frage mich, was will er mehr? Noch mehr der Untergegebenheit? Noch mehr mein Leben? Noch mehr Leid? Der Fehler, er liegt wohl immer bei mir, egal wie ich es drehe und wie ich es wende – die Tugend nimmst du gern in deine Hände, lässt sie durch nichts beflecken, kannst ja das Mühselige, das Schlechte, ja jeden Fehler in meine Schuhe stecken.

Und mit der Angst nimmst du die Macht, sprichst vom Ende, von ewiger Nacht, durch all die Fehler und Verhalten, die über meine schlimme Seele walten. Da fällt das Sprechen durchaus schwer, mit der Drohung dann, du wärest bald nicht mehr.

Es ist immer das Gleiche, und es ist immer nur Schein. Verwoben in ein Labyrinth aus Mauern und Stacheln und tief verborgen vielleicht auch das echte Sein.

020216

Fortgeträumt

Manchmal denke ich, manchmal spüre ich, manchmal sehne ich mich

Und bin doch nicht bei dir.

Manchmal hoffe ich, manchmal fühle ich, manchmal sehe ich dich

Und doch bist du nicht hier.

Wie im Traum, ein nahtloser Übergang von deinen Worten zu eigens für diese Zwecke erdachten, fernen Orten, in denen ich bei dir liege, dein Kopf auf meiner Brust, deine Wärme an meinem Körper – und sag nicht, du hast es nicht auch gewusst.

Es sind diese Phantasmen, so ideal und schön, in denen die Sonne immer scheint und kein Kind jemals weint. Es sind die Bilder, die wir schufen, wenn unsere Herzen des Nachts einander rufen und in denen wir vermissen, von dem wir noch gar nicht wissen.

Wir sind grösser, als wir es uns selbst je vorstellen können. Und jede Illusion, in die wir eintauchen, bringt uns einen Schritt näher dahin, der Realität einen wahren Kern zu schenken.

Wir sind so weit entfernt und doch, ja doch, können wir uns spüren, sehnen, hoffen, fühlen, und für einen kurzen Augenblick können wir uns ein neues Leben denken.

Ich weiss schon, du willst es ruhig und nur ach zu gewiss nicht überstürzen; ich verstehe diese Bedenken, kann auch diese zeitweils langen Wege nicht verkürzen. Aber ich weiss und du wirst mich darin nicht beirren, ich fühle etwas und das, ja das kann und will ich gar nicht ändern. Du trägst mich und nimmst mich fort, ich träume mich zu weiten Rändern all der vielen, grossen und kleinen, deinen und meinen hoffnungsvollen Unmöglichkeiten, die mein Denken ab jetzt nun einmal stets begleiten.

Fortgeträumt, so hast du mich gefesselt, ohne es zu wissen. Unversäumt, freue ich mich auf den neuen Tag, an dem wir uns sehen und nicht vermissen. Aufgebäumt, so frisch und froh und fröhlich, wenn wir uns küssen können, wird mein Verlangen selig.

 190317

Frühlings Tief

Nur weil da die ersten warmen Strahlen sind, heisst es nicht, dass die Blumen überleben können. Und nur, weil du Schmetterlinge zu spüren und Vögel singen hören glaubst, heisst es nicht, dass das echt ist. Denn, was ist echt? Und was bist du? Verrennst dich im irren Tief eines Frühlings, der noch gar nicht begonnen hat. Des Frühlings Tief, erst harmlos und sonnig, dann seine Stimme, die dich rief, viele Worte, keine Orte, nur Schrift und viele kleine Buchstaben, du lässt sie fliessen mit Papier und Stift. Und wieder, wieder, wieder – siehst diesen Unbekannten beim Schliessen deiner Lider. Und das Gefühl, dass dich dabei umgibt; umschreibt und meint, als dass du fliegst – wohin soll es führen? Niemals gesehen, niemals der direkte Blick, niemals spüren.

Du stehst dann da, im Sonnenschein, lässt wieder all die Wärme, Frohheit, Liebe rein. Nach diesen Tagen, fängst du an, dich zu fragen, dann und wann; was ist denn nur dein Problem, warum kannst du es nicht einfach locker sehen? Das Leben kommt, es spielt und geht; wie der warme Frühlingswind Flausen in den Herzchen weht. Getraut und getrudel, viel gemeinsam habt ihr, ja, doch du ziehst dich selber in einen Strudel aus real Erdachtem und einem Gefühl aus Vertrautheit, ohne, dass es Wirklich war. Du siehst seine Augen, du siehst sein aufrichtiges Lächeln, vielleicht gilt es auch wirklich dir. Du hörst seine Worte, wie sie sich wünschen, du wärest jetzt hier. Und du wünschst dir einen Regen, der alles rein wäscht und alles glättet; einen Regen, der die Unmöglichkeit wegschwemmt und das schöne Gefühl errettet. Aber du bist nicht sein Regen, nicht, was er sich gewünscht hat. Du machst es kompliziert, wie du es liebst. Du machst dich kaputt, an Gedanken, die nicht nötig wären, aber die sind, in deinem Kopf und in deinem Gefühl, die Schwermut deines Frühlings Tief. Wenn sich dein Herz dreht, dein Bauch dir sagt „Machs“ und du zurückzuckst, wenn er dich darauf hinweist, dass es nichts bringt – kein Weg, der irgendwohin führen kann; für etwas, dass man nicht kennt und doch spüren kann.

Du warst erst überzeugt, dass du gewappnet bist, gegen jeden noch so kleinen Funkenschlag, jeden Schmetterling, der dich überkommen mag. „Nein, Gefühle lasse ich nicht zu, ich lasse keine Verliebtheit herein“ und du schriebst und lachtest plötzlich mit ihm, plötzlich wegen ihm; diesem vertrauten Fremden. Du sehntest dich nach seinem Atem, seiner Wärme und seinen Händen, in den deinen und vor allem die unerklärliche Sehnsucht nach den seinen Augen. Klar, du kannst es absolut nicht glauben und das Blatt dreht sich so schnell – war er erst begeistert und fasziniert, liess es doch sogleich wieder nach und ach und du liegst da, beeindruckt und wach von einer müden Erkenntnis. Ein Frühlings Tief, dass leider mit deinen Gefühlen himmelhochjauchzend wieder nur im Sand verlief. Weil du Halsüberkopf und Ohnewennundaber diesem Fühlen nachgibst und glaubst, dass es auch zurückkommt. Doch vergisst du, auch das kann einfach nur ein Schein sein, eine Illusion und du gibst dich hin –

140317

Freier Fall

Der letzte Gedanke, den ich hatte war: Spring einfach! Danach gab es nur noch mich und das Gefühl des unendlich tiefen Fallens. Alles war so leicht, alles war so leer; kein böser Gedanke und keine Ängste mehr. Ich hatte verziehen, mir und dir, ihm und ihr. Die Leichtigkeit umgab meine Seele und mein Sein, mein Gewissen war federleicht und rein. Natürlich kannte ich das Ende schon, ich hatte es ja kommen sehen, vor mir lag die Unendlichkeit und hinter mir zu viel vergeudete Zeit. Goldene Brücken hätte ich bauen sollen, die mich zu der Person führten, die ich hätte werden wollen. Doch alles was es gab, war Asche und Staub, ein gebranntes Kind, das die Hände nicht vom Herd lassen kann, obwohl der noch immer leuchtet und glimmt. Das Fallen machte es leichter, der Sprung kam aus dem plötzlichen Jetzt und wurde zur Endlosigkeit eines ewigen Strudels an Gedanken. Freiheit hätte sich anders anfühlen sollen, Freiheit in dieser Form sollte federleicht sein. Die Gewissheit darüber, dass ich nach unten fiel, anstatt nach oben zu fliegen, gab mir wenigstens die Bestätigung meiner einst infrage gestellten Missetaten – Ich weiss es schon lange, ich weiss, es machte schon einige Zeit keinen besonderen Sinn mehr. Das mit dem Glücklichsein war auch nicht so ganz mein Ding, denn es führte nur in die nächste Tragödie, nach der ich mich mehr sehnte, als nach dem Glück. Ich wusste über die Kurzweiligkeit von Glück schon längst Bescheid, da konnte ich kaum über die ersten Schmetterlinge im Bauch lachen. Und doch habe ich es immer wieder versucht, habe danach gerungen, gekämpft und zu oft geflucht; so wie es mir immer und immer wieder aus den Händen glitt und dahin sickerte; ich hätte mir gewünscht, es hätte einfach öfter nach dir geklungen. Doch ich habe es liegen lassen, in der dunklen Ecke, einst; gewissenhaft hast du dich gleich wie ich entschuldigt, wir haben uns vermisst, wir haben gemeinsam einsam in des anderen Augen geblickt – noch immer die Träume, noch immer der Wahn, wir wollten so sehr und scheiterten doch daran. Es ist schon lang her, ich stürze jetzt nur noch weiter hinab, denn ich bin endlich gesprungen, kann jetzt nicht mehr zurück, nie mehr. Ich weiss und ich fühle deine Trauer und den Schmerz, entschuldige wenn es jetzt so überraschend kam; dass ich nochmal füllte dein Herz. Der Tag und die Nacht, sie haben sich für mich vereint, es ist nicht dunkel und nicht hell, kein Licht am Ende, was leuchtet so grell. Es ist gut und ich bin leicht und seicht und sanft und wach, und ich fühle dich endlich um mich herum, ich hülle mich in dich und lasse nie mehr los – und ich weiss, das macht dich schwach. Doch ich kann nicht mehr, ich bleib bei mir, ich warte einfach mit mir bis du zu mir findest und das mitbringst, worin du unser unendlich Glück begründest.

060217