Mit mir selbst

Es wäre ein schönes Gefühl, wenn ich mich mögen würde. Wenn ich wirklich wüsste, wer ich bin. Es wäre beeindruckend zu sehen, dass ich ein guter Mensch bin. Nur, wer ist das schon? Es gibt nichts Gutes, sagte mal einer. Ich glaube, er hatte Recht. In mir türmen sich die Gedanken, die Zweifel bäumen sich auf – ein Selbsthass, weil ich mich so liebe, wie ich wirklich bin. Verworren. Gebrochen. Geflickt. Neu auferstanden. Und tief im Innern, ja immer noch ich selbst. Das lässt mich grinsen, verschmitzt und unbetrübt. Aber ich fühle nichts.

Ich habe manche Sehnsucht, aber bin eigentlich glücklich. Ich brauche nicht mehr; mehr von Kram und Zeug. Ich bin zufrieden, wenn man das überhaupt sein kann. Doch der ganze Dreck innen drin, der verrottet einfach weiter. Noch mehr, was ich dazustellen kann, und ich finde mich selbst nicht mehr wieder. Und es kommt immer mehr. Ich stapel es oben auf, mit jedem Tag.

Trotzdem. Ich grinse. Das ist mein Naturell, das bin nun einmal ich. Ich freue mich über mein Chaos, meine absolute Wüsterei, in mir drin nichts als Staub und Dreck und Schutt und Asche, ein alter Brennofen; ich hoffe, auch das geht wieder irgendwann vorbei. Wie eine uralte Seele, die alles auf sich nimmt, die immer höher Baut mit all dem Dreck. Ich liebe mein Leben, noch immer.

Ich weiss, es ist nicht richtig und ich weiss auch nicht, wieso ich weiter stapel und weiter baue. Ich könnte aufhören und aufräumen, ich könnte alles ansehen und verstehen: das bist du, genau Du. Aber ich habe viel zu grosse Angst mit mir selbst zu sein. Darum hole ich immer mehr Dreck und Staub und Ballast rein, den ich oben drauf türme. Vielleicht fällt bald alles zusammen und alles kracht ein.

Selbst der Gedanke lässt mich nicht aufhören zu grinsen. Freude. Ein tiefes Atmen. Ich kann das schon, so schwer wird’s nicht sein. Ich räume auf, Scherben zu Scherben, Dreck zu Dreck und vielleicht finde ich ja noch einen ganz kleinen, ganz winzigen unbeschadeten Fleck und den nehme ich dann und stülpe ein sauberes Glas darüber. Ich bewahre ihn. Um mit mir selbst im Reinen zu sein.

140517

 

Wege durchs Dickicht

Mitgerissen ohne richtiges Gefühl für den Abend, sie verschwand mit den Leuten zu seltsamen Typen und Bräuten, wusste nicht mehr wo sie war, wusste nicht mal ob sie war. Im Dickicht der Massen, umgeben von Menschen, die Luft ist ganz feucht und brennt mit dem Duft von Ungewissheit und Unbedarftheit sich in ihr ein. Sie weiss nicht, wohin; sie weiss nicht, was dort herumgeht, was sie trinkt, wer sie küsst; sie weiss nicht mal, ob das alles wirklich so ist. Sie weiss nicht genau, mit wem sie grad spricht, es ist was auf Polnisch, mit englisch gemischt; sie kann ihn nicht fixieren, sieht ständig vorbei, hinaus aus dem Fenster, da wäre sie frei. Und wieder zurück, und wieder entlang, diesen unsäglichen Flur und den Menschenandrang. Sie weiss wo sie ist, sie glaubt es zu wissen, und wieder die Hände und irgendjemanden küssen. Gelächter und Lachen, alles zu viel und zu schnell, stösst den Rauch aus den Lungen, überall wird gesungen, zu viele Lieder und Klänge, es treibt sie in die Enge; treibt sie in einen Wahn – wohin kann sie dann? Noch ein paar Schritte, wieder ein Zimmer, kennt sie hier jemand? Sie hat keinen Schimmer, nur offene Türen, laden ein zum Verführen, mit Wodka und Schnaps, Whiskey und Rum, sie weiss nicht so recht, irgendwer fummelt wieder rum. Sie blickt in die Augen, sie sind ganz tief blau, er hat dunkle Haare, sie will den mal küssen, sie weiss es genau und dreht sich kurz um, beim Blick zurück ist er schon verschwunden; ein andrer an dessen Stelle gerückt. Der Duft ist verflogen, der Typ leider weg, sein Ersatz ist nicht würdig, bloss weg von dem Fleck. Ein komisch Stück Erde, das denkt sie sich dann, sie sieht viele Lichter und fängt nochmal an: etwas geht rum, der Rauch steigt empor, die Flasche gefüllt mit anderem als zuvor. Sie kann kaum noch lachen, kann kaum noch stehen, alles um sie fängt an sich zu drehen. Und sie fasst den Beschluss, endlich zu gehen, nach Hause solls sein, das kriegt sie noch hin. Verabschieden braucht sie sich heute mal nicht, denn sie kennt hier doch sowieso kein Gesicht und so geht sie und spricht noch ein Gespräch, mit dem Polen oder Kroaten, mit Chinesen und dann stehen alle im Weg. Sie nimmt ihre Sachen, woher weiss sie nicht, sie läuft noch die Treppen, zu weit bis ganz unten, wieder rauf und dann raus – Freiheit in Sicht! Die Luft tut ihr gut und tut dann ihr Übliches, trägt bei zu Unmut und sie gesteht sich, dass orientieren funktioniert so nicht. Sie fürchtet sich vor den grossen Häusern und den Ecken der Strasse, da sie nicht weiss wo sie ist und niemanden mehr fragen kann, so ausserhalb der Menschenmasse. Da steht sie nun und es ist kalt, ihr wird kurz klar, dass das mit Abstand der fragwürdigste Abend war. Sie entsinnt sich rasch, ein klarer Moment, indem sie erblickt, dass sie eine Strassenecke erkennt und entlang läuft und weiter den Schienen entlang, links grad der Park, rechts alle Häuser; unter ihren Schuhen knatscht der Schnee. Sie sieht an sich runter, die Füsse bewegen sich und sie hört auch den Schnee, sie spürt auch Schmerz, denn die Kälte tut weh. Doch sie spürt nicht mehr, wie sie einen Fuss vor den anderen setzt, sie spürt sich nicht laufen, ist davon entsetzt. Jetzt ein Licht, von hinten heran, sie bekommt schiere Panik und strengt sich sehr an, zu laufen – so normal sie es sich vorstellen kann. Ihre Beine krampfen vor Bemühtheit und Kälte, konnte sich nicht erklären, warum sie nicht die vernünftige Entscheidung wählte. Sie wollt was erleben, nun hat sie‘s geschafft – fiel etwas daneben, lag im erbärmlich kalten Schnee, den Rest der Nacht.