zu früh

zu früh

Vielleicht ist es feige, vielleicht ist es zu einfach – aber weiter wird dieser Weg nicht führen. An der Gabelung dort vorn, werde ich in eine andere Richtung ausweichen. Wieder auf meinen Weg zurück, der nur mich führen soll, wie es von Beginn der Plan gewesen ist. Ich weiss schon, es tut weh. Und ich weiss auch, es ist nicht fair. Aber das Leben, wie es spielt, wie es sich entwickelt, vorantreibt und wächst, ist eine unvorhersehbare Mischung aus Gewollt und Gekonnt. Aber wenn beides nicht zusammenpasst, wenn es nicht stimmt und dieser kleine Funke nicht überspringt, kann man das Glück nicht erzwingen. Gewiss habe ich nun Zorn auf meiner Seite, vielleicht gesellen sich auch Unverständnis, Wut und Bitterkeit dazu. Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, ach meine ständigen Begleiter, verschwanden ja gar nicht erst.

Vom Schicksal herausgefordert, duellierend zwischen Schmerz und Neuanfang, Aufgeben und Lächeln; vereint sich in mir ein bittersüsser Geschmack von Einsamkeit mit der Gewissheit, dass es weiter gehen wird, bis ich da ankomme, wo ich nur mich selbst bin und wo mir genau das ausreichen wird. Noch ist es vielleicht zu früh, noch habe ich das nicht kommen sehen. Noch konnte ich nicht mit gutem Gefühl sagen: ich bin da.

Doch auf dem Weg, dort vorn vielleicht, links oder rechts ab von der Gabelung; vielleicht führt es mich schon bald dorthin, an einen Ort, an einen Menschen, an mich selbst; wo es völlig ausreicht, ich zu sein – um zu verdoppeln oder zu verdreifachen, den Einsatz, der sich für alle Liebe lohnt. Ich weiss es ja, zu früh um genau zu sein, zu spät um es bei einer Entschuldigung zu belassen. Wohin auch immer mich der Hasenbau führen wird, ich krieche weiter, ich lasse nicht ab von dir, weisses Kaninchen, dass du mir bereits begegnet bist; nimm mich an die Hand und führe mich – in dein Wunderland.

310817

Falsch abgebogen

Irgendwo falsch abgebogen. Auf einen Weg geraten, der nicht mehr gerade zu biegen ist. Weitergelaufen, über Strassen und Wege, Wiesen und Deiche, über die Verzweiflung hin zur völligen Selbstzerstörung. Unten angekommen. Wieder aufgestanden, weitergemacht. Nie das Lächeln im Herzen verloren, das aufrechterhält. Nie gefragt, ob der Weg der Richtige ist. Er muss es sein. Irgendwo auf Schiffen gewesen, ein kleines bisschen Welt gesehen. Aus der Luft und im Wasser stehend. Nichts als blauen Himmel gesehen. Und manchmal tiefdunkelblau wie ein seidenes Tuch mit feinen, kleinen Perlen bestickt, in die klare Nacht mit all den Milliarden von Sternen. Manchmal nichts als Dunkelheit – gesehen und gefühlt. Sooft war da nur das Licht des Mondes, der dort oben hing. Und auch er leuchtete den Weg aus; er führte nach Haus. Für Irrungen und Wirrungen, die kamen und gingen. Häufig war da doch ein kleiner Schein am Firmament, der Hoffnungsschimmer auf einen wieder neuen Tag. Und wenn der anbrach, gab es kein zurück. Keine Wiederkehr, kein Nochmalerleben. Mit der Sonne stirbt die letzte Nacht, und alles Neue kommt unweigerlich den Weg entlang. Gehend, stehend – vielleicht sogar flehend schreibt sich der neue Tag in den Körper, in die Seele. Jedes Wort, das erklingt. Jeder Augenaufschlagsmoment, jeder Blick. Nicht zurück. Immer vorwärts, immer voran. Laufend, laufend, laufend, immer Schritt um Schritt. Manche Angst gefühlt. Manche Liebe geträumt. Manche Menschen verhasst, manche Menschen zum Schönsten poliert. Immer den armen Tropf gesucht, immer wieder aufgebaut – neu, von vorn, ganz gleich wie schwer es wog. Am Ende selbst  als ein trauriges Häufchen Elend zurückgeblieben. Schmerz gefühlt. Das einzig wahre Gefühl, auf das alles zurückführt. Verlust und Angst, Sehnsucht und Liebe, Vertrauen und Verlassen – sie führen alle zu ihm. Und er führt den Weg entlang über einige Hürden, einige Winkel und Ecken. Immer mitgegangen, es bleibt keine Zeit zum Verstecken. Ein Nein liegt einfach nicht drin. Oft gehört, oft gefleht; am Boden liegen geblieben. Getreten. Geschrien. Es nützt doch nichts, wieder vergeht die nächste Runde. Das nächste Leben. Das nächste Jahrhundert. Gefühlte Ewigkeit mit jedem Augenaufschlag. Jeder Atemzug so tief und innig. Grauenhaft und grossartig, die kühle Nachtluft eingesogen. Auf abertausende Galaxien geblickt.

Sich in das Universum verliebt.

In die Unendlichkeit.

In die Unmöglichkeit.

Immer und immer.

100717