Selbstzerstörung

Alles passiert, obwohl sie es so viel besser weiss. Alles passiert, und die ganze Scheisse dreht sich doch nur wieder um das Gleiche. Keine Ahnung, woher sie das nimmt, keine Ahnung, wohin sie das zu führen glaubt. Aber der Weg endet wieder im Chaos und verläuft sich im Sand. Sie glaubt an ein verdammtes Glück, dass es für sie ja doch nicht gibt. Nur in diesem einen echten Moment. Doch den zu erleben, stellt sie sich ins  Feuer und lässt sich beschiessen, mit all diesen Dramen und Tragödien in ihrem Kopf; sieht nichts ausser Nacht und wartet darauf, dass er sie herausholt. Unvernunft gesellt sich zu all ihren Träumen, von Logik keine Spur und ohne es abzusprechen: sie lebt plötzlich in diese Blase, in ihrem Traum; sie fällt vom Rand der Welt für das grosse Nichts, das ihr Niemand versprochen hat. Sie merkt mehr und mehr, sie zieht es wieder an, sie macht sich charmant und unwiderstehlich; sie lockt mit Botenstoffen und ihrem ganzen Körper und niemand sieht ihre Seele, sieht ihr Herz. Sie denkt sich, so eine Scheisse wieder, woher soll ich wissen was echt ist und was nicht? Und verlangen kann sie nichts und vertrauen kann sie nicht mal sich selbst, reitet sie sich immer wieder genau bis hierhin und kommt dann nicht weiter mit ihrem gefühlsüberladenen Herz. Alle Worte fliegen durch ihr Hirn, in Dunkelheit ergibt sich nur die Tragik der Situation wieder. Er schreibt und schreibt nicht; er lag die Nacht sicher in einem anderen Bett und sie kann es ihm nicht mal verübeln, haben sie doch gar keine Abmachungen getroffen. Und doch traktiert es sie unaufhörlich mit einer neckischen Ironie im Hinterkopf: du lässt wieder alles steh’n und liegen, weisst deine Typen ab und verzichtest auf jede Berührung und jeden Sex, weil du dir wirklich einbildest, dass das irgendwo hinführen kann – mit den vielen Kilometern zwischen ihnen, mit den vielen Steinen, die dort schon in den Weg gestapelt wurden. Und all diese blöden Hoffnungen und Traumbilder hält sie aufrecht und hält sie hoch, weit über sich und weit über den doch so wichtigen Dingen, die sie sich vorgenommen hat. Verblödet von ihrem Gefühl macht sie die Nacht zum Tag und hängt da, mit ihm, in Schriftform und ohne jegliche Ahnung von seiner Echtheit. Sie vertraut ihrem komischen Bauchgefühl, sie glaubt zu wissen, was es ist; sie glaubt zu fühlen, egal der Kilometer, egal der reellen Begegnung: sie glaubt und das reicht ihr schon aus für grosse Tränen, für grosse Worte; für irgendeine beknackte Gewissheit über diesen ihr unbekannten Geliebten. Und es bringt nichts, sich dagegen zu sträuben, sie ist dem ganzen Zeug einfach erlegen, wie ein zerbrechliches Reh. Sie erliegt ihren eigenen Phantasien über einen Menschen, den sie nie traf. Sie erliegt dem Gefühl, dass sie sich mit diesem Mann wünscht. Und läuft wieder wie in eine Kettensäge, die sie  auseinanderreisst, wenn sie die Realität endlich sieht und alle Hoffnungen über den Haufen schmeissen muss; weil das Idealbild irreführt und weil es doch nie in echt in Erscheinung treten kann. Wie ein Wahn rennt sie diesem Bild hinterher und hüllt sich in Tränen, wenn es sich nicht erfüllt. Scheiss Gefühle, denkt sie sich. Scheiss Schmetterlinge und scheiss Frühling. Aber so beschissen findet sie es gar nicht, und will ihn trotzdem treffen und dreht jede Unwahrscheinlichkeit in Normalität. Selbstzerstörerisch, wie sie eben ist, nimmt sie diese grossen Gedanken auf sich und begibt sich endlich in den Zug, der zu ihm führt. Ihr Herz springt fast aus dem Fenster, als sie in den erhabenen Bahnhof einfährt, in dem erwartete Gefühle wartend stehen und sie aus dem Zug gehen sehen, ihr eine Hand reichen und sie sofort in die Arme schliessen und ihr diesen einen, echten Moment schenken, der schon längst ausreicht um ihre unsinnigen Gefühle zu erwidern. Und sie hatte gehofft, dass es nicht so wird; dass es einfach ganz anders ist, das es keine grossen Gefühle bestätigt und gar nicht funkelnd und glitzernd ein Traumschloss aufgebaut werden kann. Einfach, damit es einfach erledigt ist; damit keine weiteren Hoffnungen gebaut und zerstört werden können. Sie ist schon so kaputt und sie ist schon so durch mit allem und trotzdem glaubt sie immer noch an dieses Konzept von der Liebe und dem Glück, ich meine, im Ernst jetzt – wie kann sie das eigentlich, nach all der anderen Scheisse? Und doch, sie hängt nun da und fühlt es und weiss es schon, dass der Abschied in den nächsten Tagen schlimmer wird, als die ganze doofe Warterei zu diesem Augenblick es war. Und sie ärgert sich. Warum hört sie nicht einmal auf die Vernunft, nicht zu fahren, nicht zu lieben, nicht alles wissen zu müssen, sondern einfach aufzuhören, wenn der Moment einmal schön ist? Nein. Und, überlegt sie sich, für ihn ist das alles nur ein furchtbar heisses Abenteuer, eine klassische Affaire, weil die Umstände beschissen sind und es auch nicht besonders viel Sinn macht, mit den hunderten von Kilometern und den ganzen anderen Felsen, die mittlerweile im Weg liegen. Die Unwahrscheinlichkeit winkt ihm zu und tapeziert sein Herz; sie lässt für ihn eine Ruhe einkehren, die sich nur auf ihren Körper konzentrieren kann; ohne das mulmige Gefühl im Bauch, was sie so sehr quält. Die Liebe ist wie ein Furz, man hofft immer, dass es endlich kommt und wenn es da ist, soll es schneller verfliegen; weil es am Ende eigentlich nicht so schön ist, wie man es sich vorgestellt hat. Er weiss das und geniesst den Moment, jeden Moment, nicht nur mit ihr. Und sie, trotz der Warnungen, trotz der Zeichen, trotz ihrer eigenen Worte, die monatelang sagten „Sei dir nur selbst wichtig“ – all dem zum Trotze, sie schmeisst sich voll rein und lässt sich nicht davon abbringen, zu leiden für dieses unnötige Gefühl.

Und da steht sie nun, fast eine Träne im Auge, obwohl es grad mal die Begrüssung ist.

020417 

Scheinbar

Es macht keinen Unterschied. Die silberne Münze bleibt immer dieselbe, auch wenn das Licht anders darauf zu fallen droht. Immer strahlt sie das zurück, was auf sie scheint und trennt dann das, was sie einst vereint.

Es ist immer das Gleiche, nur mit einem anderen Schein. Ein anderer Lichtkegel auf einer anderen Oberfläche, von oben oder von unten. Was spielt es für eine Rolle?

Es macht keinen Unterschied. Das Böse und Gute, man hält es sich zu Gute und am Ende eines jeden Lichtes folgt der grobe Schatten eines Bösewichtes.

Oder klar gesagt, es könnt schon sein, dass mein Fehler der ist und das wird er immer sein. Er gehört immer mir und er ist unendlich schwer, er zieht mich herunter und frage mich, was will er mehr? Noch mehr der Untergegebenheit? Noch mehr mein Leben? Noch mehr Leid? Der Fehler, er liegt wohl immer bei mir, egal wie ich es drehe und wie ich es wende – die Tugend nimmst du gern in deine Hände, lässt sie durch nichts beflecken, kannst ja das Mühselige, das Schlechte, ja jeden Fehler in meine Schuhe stecken.

Und mit der Angst nimmst du die Macht, sprichst vom Ende, von ewiger Nacht, durch all die Fehler und Verhalten, die über meine schlimme Seele walten. Da fällt das Sprechen durchaus schwer, mit der Drohung dann, du wärest bald nicht mehr.

Es ist immer das Gleiche, und es ist immer nur Schein. Verwoben in ein Labyrinth aus Mauern und Stacheln und tief verborgen vielleicht auch das echte Sein.

020216

Herrscher

Die Liebe macht blind und gefügig, sagt man – ja, denk sie sich, heut weiss ich wohl, da ist auch was dran. Gefügig hat er sie gemacht, ganz durchdacht, fast über Nacht. Er stand da, so stramm und männlich und gross, musste gar nicht viel tun, nahm ihre Hand und zog sie mit sich fort, in ein anderes Leben, an diesen anderen Ort. Mit aller Macht, sie sah es nicht einmal, ermannte er sich ihrer und es wurde ihr zur Qual. Doch lange, lange, lange Zeit erst später konnte sie das sehen und wieder eigene Wege gehen. Zuvor, ja ach, so lange schon, sie lebte ein Leben in Widersprüchen, in unsicheren Sicherheiten, voll Niederträchtigkeit, voll Angst und Hohn. Kein falsches Wort mehr, drohte er, zog sie damit hinab, mehr und mehr. Im Tränenmeer verkroch sie sich, legte die Hände über ihr Gesicht, stieg hinab die dunklen Treppen in die Einsamkeit, wollte nur ihre Ruhe, sehnte sich nach dem Weg in eine neue Zeit. Sie fand ihn nicht, nicht draussen, nicht unten in den Kellerräumen; sie hatte vergessen wie das ging, zu träumen. Er beherrschte sie und ihr ganzes Denken, jede Minute ihres Lebens müsse sie sich in seine Bahnen lenken. Jede noch so kleine Einfachheit konnte ein neues Chaos bedeuten, vor allem nach dem Jawort, das liess eine neue Zeit einläuten. Denn damit war es wie besiegelt, Herrscher konnte freudig sehen, wie sie alles hegt und striegelt, Herrscher war ganz froh darüber; schloss abends frisch behutsam seine Lider, erhob sich jeden Morgen aus dem Gemach; wenn sie – schon auf, am Werken, wach – ihm alles bereitet und er sich trotzdem weiter streitet. Wie ein Dorn, so sass der Schmerz, drückte ihr in Seele und Herz und bohrte sich ein tiefes Loch, in das sie sich immer weiter einschloss und verkroch. Zu viel Scham und zu viel Angst, als dass sie drüber sprechen mochte, denn alle Lieben um sie herum hatte sie schon fortgestossen; sie wiegte sich in ihrem Kummer, liess kaum Gefühle noch an sich heran, weder die kleinen noch die grossen. Denn Gefühle, so hatte sie gelernt, können sie beherrschen und Herrscher hatte das nicht gern, denn er allein hatte die Macht, egal ob Tag oder Nacht, egal, ob in der Wirklichkeit oder zu welch undenklich unpassender Zeit; egal ob in ihrem Verstand und Traum, oder über einen Gardinensaum – die Macht zu haben, das oblag ihm allein, die Macht getarnt als Liebe, Grossherzigkeit und vielem anderen Schein. Sie beugte sich und gab manches Lächeln in die Welt, sie grämte sich, weil ihr ihre eigene Lüge so missfällt – wie konnte sie das nur ertragen, wie konnte sie in diese Misere sich lenken, sich fahren? Und plötzlich fiel es ihr alles wieder ein: es war seine Kraft, sein Mut, sein ganzer äusserer Schein. Sein Haben und Wollen, sein Sich Nehmen, sein tiefstimmiges Grollen; es war seine entsetzlich einfache Art, das gebrochene Herz im Auge zu tragen; es war ihr unmöglicher Sinn für die Rettung des weichen Kernes, ohne danach zu fragen. Doch guten Mutes und Gutmütigkeit sind nicht eins, denn sie spürte dann und wann, dass das, was sie antrieb und das was wahr war, nicht mehr stimmte – einfach, keins. Es war zu viel, er war zu viel, denn er war Herrscher, durch und durch. Nicht aus der reinen Niederträchtigkeit und nicht aus einem ursprünglich widerwärtigen Sinne heraus, nein das nicht. Er war er, Herrscher war einfach ein eigennütziges und grundverschiedenes Stahlgesicht; anders als sie, mit ihrem weichen Sein, mit dem Guten in jedem Menschen zu sehen, mit Naivität und mit Fürsorglichkeit – das wich ab von Herrschers erhabener Vorstellung ihrer Zeit. Und sie lebten, ja sie liebten sich auch dann und wann, doch oftmals gerieten sie aneinander, denn das das so nicht funktionieren kann, sieht jeder, irgendwann. Zwei, so ungleich wie Zeit und Raum, sie erhoben den Anspruch auf ein gemeinsames Leben, verrieten die Wirklichkeit für ihren Traum. Und sie sah, es kann nicht weiter gehen, Herrscher wird mir sonst alles nehmen, so dachte sie. Und mehr noch als das ganze Wunschdenken ihrer Phantasie nahm sie eines Tages allen Mut zusammen und raffte sich auf mit dem waghalsigen Gedanken: Ich flieh! Und sie floh, ohne Worte, verliess des Herrschers Orte. Natürlich war sie sich im Klaren, dass das auch nicht der Weg ist, so wie sie waren. Doch sie konnte nicht sprechen, konnte nicht reden, konnte sich dem Blicke nicht ermächtigen, hatte Angst zu zerbrechen, anstatt zu gehen. So schrieb sie es nieder, so wie sie es wusste, wie sie es konnte nur; brach mit allem, auch mit dem einst für die Ewigkeit gegoltenen Schwur. Ihr brannte das Herz, ihr brannte das Leid; sie wollt ihn nicht brechen, doch es war an der Zeit; der Zeit zu gehen, sie musste es tun – und heut gilt ihr Dank, auch Herrscher weiss das nun. Und Herrscher lernte jetzt, was sie ihm bedeutete, was er an ihr geschätzt‘ – doch zu spät, so wie er nun weiss; denn Herrscher musst sich brechen, durch seine steinharte Schicht von Gefühllosigkeit und Eis.

150117