Nichts tut mehr weh

Mit einem zufriedenen Lächeln tritt sie hinaus auf die Strasse. Nichts kann sie mehr davon abhalten, ihren Weg zu gehen. Niemand hat mehr die Macht, sie so zu zerstören, wie nur sie selbst es können sollte. Ein leichter Schauer fährt über ihren Nacken und stellt alle feinen, kleinen, blonden Härchen auf. Mit dem zur Seite geneigten Kopf schüttelt sie es ab, schüttelt sie alles von sich. Und in ihrem Inneren kehrt ein Frieden ein. Eine wohlige Wärme kehrt zurück. Alle Schatten fallen ab. Mit einem lauten Knall, mit Fanfaren feiert sie den Moment in ihrem Kopf. Tanzend tritt sie auf die Strasse, von einem Lächeln überströmt. Von Glück erfüllt. Mit einer neuen Stärke, mit einer neuen Gewissheit – das Leben geht stets voran, findet seinen Weg und sie muss sich nicht fürchten; nicht vor dem Morgen und nicht vor dem Alleinsein. Denn alles was es braucht, ist sie selbst. Der unbezahlbare Blick der Endgültigkeit. Das wohltuende Lächeln zum Abschied, der kein Wiedersehen verspricht. Wenn sie daran denkt, wenn sie all das in sich aufnimmt und mit einem grossen Ruck von sich wirft, dann fängt sie an zu fühlen. Die Welt und sich selbst, sie beginnt zu lieben, sie beginnt wieder zu leben. Die Türe fällt ins Schloss, mit einem Einrasten ist auf einmal alles vorbei. Ein letzter Blick, seine Hand, die ihre nochmal drückt. Keine Worte aus seinem Mund, denn er ist ob der Endgültigkeit verstummt. Und so grossartig, denn er weiss genau, was in ihr vorgeht und kann sehen und kann es fühlen, alle Genugtuung ist vereint, sie ist wieder vollständig bei sich und strahlt und glänzt mit einem seidenen Schein. Ihr vollkommenes Glück ist kaum zu erfassen, sie findet nicht die richtigen Worte und wünscht nur das Beste für den Rest des Lebens, den sie ihn nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen muss. Es. Ist. Endlich. Schluss. Es ist vorbei. Und dann läuft sie hinaus, läuft zu und mit und denen und welchen, stösst aus manchen wüsten Schrei und singt und tanzt, auf der Strasse, auf dem Perron und jeder blickt sie an, jeder versteht genau, wie es in ihr geht. Sie kann es nicht verbergen, sie kann den Frohsinn nicht verstecken – und warum sollte sie auch? Jeder soll es sehen, jeder darf es spüren, denn sie teilt es gern, das Glück und das Gefühl und all die Schönheit des Lebens in all seiner Unvollkommenheit, in der Nichtperfektion und mit jedem Makel an sich selbst liebt sie es mehr. Und lässt es zu. Und lässt alles rein und lässt los und spürt – nichts tut mehr weh. Sie ist sich selbst genug.

170717

[ zu Nothing’s gonna hurt you baby ]

Falsch abgebogen

Irgendwo falsch abgebogen. Auf einen Weg geraten, der nicht mehr gerade zu biegen ist. Weitergelaufen, über Strassen und Wege, Wiesen und Deiche, über die Verzweiflung hin zur völligen Selbstzerstörung. Unten angekommen. Wieder aufgestanden, weitergemacht. Nie das Lächeln im Herzen verloren, das aufrechterhält. Nie gefragt, ob der Weg der Richtige ist. Er muss es sein. Irgendwo auf Schiffen gewesen, ein kleines bisschen Welt gesehen. Aus der Luft und im Wasser stehend. Nichts als blauen Himmel gesehen. Und manchmal tiefdunkelblau wie ein seidenes Tuch mit feinen, kleinen Perlen bestickt, in die klare Nacht mit all den Milliarden von Sternen. Manchmal nichts als Dunkelheit – gesehen und gefühlt. Sooft war da nur das Licht des Mondes, der dort oben hing. Und auch er leuchtete den Weg aus; er führte nach Haus. Für Irrungen und Wirrungen, die kamen und gingen. Häufig war da doch ein kleiner Schein am Firmament, der Hoffnungsschimmer auf einen wieder neuen Tag. Und wenn der anbrach, gab es kein zurück. Keine Wiederkehr, kein Nochmalerleben. Mit der Sonne stirbt die letzte Nacht, und alles Neue kommt unweigerlich den Weg entlang. Gehend, stehend – vielleicht sogar flehend schreibt sich der neue Tag in den Körper, in die Seele. Jedes Wort, das erklingt. Jeder Augenaufschlagsmoment, jeder Blick. Nicht zurück. Immer vorwärts, immer voran. Laufend, laufend, laufend, immer Schritt um Schritt. Manche Angst gefühlt. Manche Liebe geträumt. Manche Menschen verhasst, manche Menschen zum Schönsten poliert. Immer den armen Tropf gesucht, immer wieder aufgebaut – neu, von vorn, ganz gleich wie schwer es wog. Am Ende selbst  als ein trauriges Häufchen Elend zurückgeblieben. Schmerz gefühlt. Das einzig wahre Gefühl, auf das alles zurückführt. Verlust und Angst, Sehnsucht und Liebe, Vertrauen und Verlassen – sie führen alle zu ihm. Und er führt den Weg entlang über einige Hürden, einige Winkel und Ecken. Immer mitgegangen, es bleibt keine Zeit zum Verstecken. Ein Nein liegt einfach nicht drin. Oft gehört, oft gefleht; am Boden liegen geblieben. Getreten. Geschrien. Es nützt doch nichts, wieder vergeht die nächste Runde. Das nächste Leben. Das nächste Jahrhundert. Gefühlte Ewigkeit mit jedem Augenaufschlag. Jeder Atemzug so tief und innig. Grauenhaft und grossartig, die kühle Nachtluft eingesogen. Auf abertausende Galaxien geblickt.

Sich in das Universum verliebt.

In die Unendlichkeit.

In die Unmöglichkeit.

Immer und immer.

100717