Stumm

Es ist stockfinster, nichts ist zu sehen. Der Raum ist voller Leere und alles, was die Luft durchtränkt, ist der Geruch von Schweiss und Lust. Die Laken sind durchnässt, es ist schwül und feucht und warm; eine Sommernacht, wie keine zweite. Das Stöhnen und Grunzen und Schreien ist verstummt, die Fenster stehen weit offen – der Klang einer nächtlichen Stadt dringt herein. Gedanken kreisen um Kennen und Wissen, um einander, miteinander, bei einander und jeder ist doch allein.

Zigarettenrauch dringt langsam durch den Flur; ein wohlbekannter Duft, aus einem längst vergessenen Leben. Stumpfsinn und Fragen, die nicht interessierten, noch vor wenigen Stunden erst erfunden. Es ist tatsächlich eine Rückwärtsnacht, es endet weit bevor es beginnt. Keine Tränen, keine Worte. Langsam und müde schleppt sich ein Körper zurück in den Raum voller Nichts. Präsenz im Ganzen, es gleicht dem Ersticken. Kein Austausch, keine Nähe, keine Liebe dazwischen. Nur Ficken, nur Knallhart, halbweich, wenig geistreich. Ein elender Hoffnungsschimmer auf diese gute Idee, retrospektiv jämmerlich. Und gleich, naiv wie eh und je.

Wirre Gemeinsamkeiten, die keine sind. Wieder ein Fehler, wieder ein falscher Ansatz. So viel erlebt, so viel gelernt – und trotzdem, jede neue Erfahrung prägt einen weiteren Schritt in Richtung Einsamkeit. Nichts funktioniert, egal ob ambitioniert oder liebevoll, interessiert oder die kalte Schulter. Der Körper dreht sich herum, wendet sich ab. Stillschweigend treibt der Blick in die Leere, ein Lächeln huscht über das Gesicht – das Wissen über die Unerträglichkeit dieses einen, endlos währenden Moments. Und dass er mit Anbrechen eines neuen Tages gar keine Rolle mehr spielen wird. Vergessen in der Summe aller Erinnerungen, tief hinten in einer unbeschrifteten Schublade voller Enttäuschungen. Das organisierte Entinnern. Eine gespielte Nähe, aufrechterhalten für den kurzen Augenblick zwischen Hallo und Fick; danach der kalte Morgen. Wohin verschwinden die Gemeinsamkeiten? Wohin treiben Wirklichkeiten einer trunkenen Nacht?

Grosse Augen blicken umher, finden keine Worte. Nervosität macht sich breit; kein Geniessen, keine Ruhe und kein inniges beieinander sein. Eine gewisse Hektik, wie schon am Abend, wie in der Nacht. Unentwegter Wechsel zwischen Themen, zwischen Machen, zwischen Sein. Alles zu schnell, zu viel, zu gar nichts –
– nicht einmal eine Umarmung zum Abschied.

Es war mehr noch, es war eine kurze, die klitze kleinste Rückwärtsliebe; mit aller Euphorie unbekannterweise, vom Schreiben und Lesen und dem Moment entgegensehnen; einfach hin zur Realität, zum Körper aneinander reiben, zum Abschied ohne zurück zu blicken.

Ein unvermitteltes Ende, ohne ganz einfache und simple, ehrliche Worte.
Nur in sich hinein. Stumm.

25082020

Nachtduft

Gerade jetzt im Sommer kommt dieses wiederkehrende Gefühl. Es ermannt sich, es überrennt mich. Mit einem tiefen Atemzug und dem Blick in den Nachthimmel zerreisst es mich fast. Ein Junikäfer setzt sich an meinen Fenstersims, als wollte er von der Welt da draussen erzählen. Von dem, vor dem ich mich gekonnt verstecke und verkrieche, in meiner Höhle der Einsamkeit, in meinem wohlbekannten Loch der unerträglichen Leichtigkeit. Mit den Klängen Mahlers zu vergleichen, ein ständig ansteigendes Tönen der Geigen, läuft es mir eiskalt entlang, stellt jedes Härchen einzeln auf und bringt mich in vagen Träumen doch zu dir. Zu dir, wie in jener Nacht, in diesen Nächten, vor all den vielen Jahren, vor all den Jahrtausenden, in denen ich glaube, dich geliebt zu haben. In diesem Leben begegnest du mir, jetzt und immer wieder, wir finden zusammen, mit all der Tragik, all der Unschuld eines längst vergessenen Traums. Gross und weit und sternenklar erstreckst du dich über mir, wie das Universum legst du dich zu Grunde, der Beginn allen Übels und der Träumenden gewisser Morgen. Mit all dem Funkeln und Glitzern, wie das immer neue Anschlagen der Klaviatur zu meinem persönlichen Wohlbefinden, ergänzt du erhaben meinen trotzigen Abend. Erhellend leuchtet der Mond, keine ganze Drehung ist ihm vergönnt, und doch wissen wir, doch sehen wir, er ist dort oben und alles kreist und dreht und wendet sich, wie es das womöglich schon immer getan hat. Über all die vielen Epochen, jede einzelne Ära und die Unglaublichkeiten, in denen meine Seele zu dir blickte und dich verehrte und vergötterte. Meine Seele, mein Menschsein, mein Wunschtraum offenbart sich in dir und deiner überschwänglichen Grösse, dich über mir aufzuspannen, wie ein seidenweicher tiefdunkelblauer Teppich aus Nacht. Deine Kühle lässt einen Schauer über mich hernieder, deine Sanftheit beruhigt mich gleichzeitig. Und keinen Kuss entfernt, berührt der Duft deiner sommerlichen Frische meine Haut und meine Lippen. Ich ergebe mich deiner Stille, deiner Einsamkeit und deiner entsetzlich einfachen Schönheit. Wenn ich durch dich hindurch wandere, ist es wie schweben; es ist wie ein Wandeln im Traum und in der Unwirklichkeit. Und du nimmst mich. Immer wieder, nimmst du mich auf, in deine alles beschützenden Arme. In deine unsägliche Traurigkeit, in deine gnadenlos Tiefe. Und so gehe ich, immer und immer wieder – in die Nacht.

030717