Es passiert

Es gibt keine Logik. Das wird dir dann klar, wenn die Scheissrealität wieder beginnt zu schwimmen.

Aus jedem Plan wird ein geknüllter Papierball und du wirfst einfach alles über den Haufen, weil du gar nicht anders willst und gar nicht anders kannst.

Die Misere deiner Zeit ist, dass nur die anderen Krisen haben und es dir gut geht. Euch allen.

Du akzeptierst, dass du ein moralisch verwerflich handelnder Mensch bist. Und zum ersten Mal scheint dir Kästner so nah und auch so fern zugleich, denn du tust es ja – das Gute, was für dich wenigstens gut ist.

Der Rest passiert sowieso. Oder auch nicht.

Du bist anders und schwimmst mit dem Strom, in dem alle anders sind und keiner gleich. Und doch will jeder dasselbe und jeder zieht ganz eigennützig seine Schlüsse zum Besten des eigenen Gefühls.

Ihr habt keine Probleme, also erschafft ihr welche. Server down. Abgebrochener Fingernagel. Kein CSI:Miami, weil die Arbeit länger dauert und der Recorder nicht eingestellt war. Die Tragik der Moderne überwindet jede Logik.

Und die Beziehungen, die du führst, werden immer unlogischer. Glück ist eine Farce, weil sich das alles nur in deinem Kopf abspielt. Betrachtest du die zweite Seite der Medaille, geht es dir nicht beschissen. Du hast ein Bett und genug zu fressen, was beschwerst du dich.

Der Rest passiert sowieso. Oder auch nicht.

Und dann sitzt du da, jeden Tag. Jeden Abend. Und fragst dich nicht einmal mehr, wohin es dich geführt hat. Keine Moral und keine Logik. Nur schemenhafte Schatten, von denen, die wir glauben zu sein.

Dann nimmst du deine kleine Maschine und tippst ein paar Worte, machst daraus Zeilen, lässt sie ein paar Minuten zappeln und verweilen. Dann drückst du „Senden“ und schickst sie ab.

Wer sie liest, wird niemals jemand erfahren. Auch der Inhalt bleibt der Welt verborgen.

Ich verrate es. Na angeschaut habe ich dich. Wusste nicht wie reagieren im ersten Moment. Ich mag deine Küsse.

Phrasen und Worte, tickerticker und ein Aufleuchten. Von kleinen Ioden und von Augen. Augenblicken. Gedankenfetzen und Erinnerungsstückchen. An einen längst vergessenen Traum.

An der Tränke

An diesem Morgen ist es warm und lau, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen heraus. Der Wind trägt die leichten Wolken durch den Himmel. Und der Himmel dazwischen, zwischen den Wolken, er ist noch rosa und wird langsam zu blau. Ich sitze am Fenster und blase den Rauch aus meinen Lungen hinaus. Es wird ein schöner Tag. Ich huste kurz, an der ersten Zigarette ist es meist schlimm. Dann verstumme ich, höre ein paar kleine Vögel und dann zerschellt schrill eine Bierflasche und ich höre das Gröhlen eines Penners im Bogengang vorn an der Kreuzung. Der Samstag beginnt.

Ich ziehe mich an, vom Morgentau ist mir noch frisch. Alles steht und legt sich mit den Kleidern auf meiner Haut wieder nieder. Heute ist es blau. Der Tag beginnt schleppend, niemals stehe ich sonst so früh schon auf. Aber heute muss ich dorthin. Ich muss es sehen und spüren, ich will es atmen und eins werden. Ich schreibe einen Zettel „bin spazieren“ und sage Bescheid, sodass trotzdem niemand weiss, wo ich bin. Niemand würde fragen. Alles ist so einfach und alles ist so leicht. Der Kater von gestern Nacht verfliegt mit jedem Stück des trockenen Brots, den grössten Teil habe ich auch vor dem Schlafen schon weggebracht. Es war eine reichlich versiffte Nacht, wir tranken und kotzten, wir lachten, wir weinten; alles in allem ein ruhiger Freitag. Und jetzt stehe ich schon in der Küche, noch eine Zigarette, zwei Schluck vom kalten Kaffee. Ich nehme die zerlotterte Tasche und schwinge sie mir um, schlüpfe in die ausgelatschen Schuhe und laufe raus aus dem Haus. Im Flur riechts nach Gras und ich weiss schon, dass die oben in ihrem Wahn liegen. Die Katze kommt mir entgegen, völlig entgeistert – klar, um die Uhrzeit komm ich sonst nach Hause. Jetzt gehe ich schon los. Verkehrte Welt. Aber heute muss ich unbedingt dorthin.

Ich gehe raus und sehe eine neue Welt, die ich nicht kenne. Andere Uhrzeit, anderes Leben. So viele Menschen, die emsig einen Tag bestreiten, der für mich fast ausschliesslich im Bett ausgetragen wird. Tante Erika, die jeder so nennt, und niemand mit ihr verwandt ist, schiebt mit ihrem Fahrrad vorbei, auf dem Weg zum Markt. Franky radelt, den Kopf chronisch seitlich geneigt, an mir vorüber und nickt mir ein Guten Morgen zu. Ich schaue mich um. Hamster steht gegenüber an seinem Eck und sammelt die Bierflaschen auf, die letzte Nacht liegen geblieben waren. Er ist ein liederlicher Kerl, mit dem ich mich niemals anlegen wollte. Ich kann ihn kaum grüssen, weil er mir unnahbar gegenüber tritt – nur ein falscher Blick würde vermutlich reichen. Meine Schuld waren gebrochene Herzen von irgendwelchen Bekannten. Und ich stehe hier, sehe dem Treiben zu und will nur wieder hoch und mich verkriechen. Aber heute nicht. Ich habe ja ein Ziel.

Ich entscheide mich nach links zu gehen, erstmal runter zur Pennerbank. Ich bin erstaunt, denn unten am Übergang zum grossen Fluss bekommt der Name heute doch zum ersten Mal eine ehrwürdige Bedeutung: sie schlafen wirklich dort. Es war auch lau heut Nacht. Der Sommer meinte es gut mit ihnen. Sie stinken und sind dreckig und haben klebrige Haut und tiefschwarze Fingernägel. Ich grüsse, sie schauen nicht mal hoch. Der Rausch vom Freitag hängt ihnen nach. Ich überquere also gewohnt die Schleusenbrücke und sehe schon die Weite der Wiesen und den kleinen Deich. Das Bootshaus links und ansonsten nur Wiesen und Bäume und Grün, so satt und kräftig, verbunden mit dem frischen Morgen; meine ganz neue Welt. Ich laufe, in meinem natürlichen Schritt, ich werde schneller und bin freudig erregt. Ich gehe auf die Bäume zu, ich laufe auf dem Deich; Schritte, die ich schon hunderte Male gegangen war. Und trotzdem war es so anders. Ich sehe rechts ab die Badestelle jener entlegener Sommer, die wir schon hinter uns hatten. Manch einer ertrank darin, manch einer verliebte sich in anderen Nächten. Manchmal lagen wir wie die Maikäfer auf dem Rücken und ergötzten uns an der Schönheit der Nacht und der Unmöglichkeit nach der ganzen Flasche noch auf die Beine zu kommen. Wir waren völlig verloren. Ich laufe weiter und schiebe die Erinnerungen beiseite. Die Bäume rauschen im Wind und der Fluss prescht links vorbei. Ich liebe dieses Fleckchen Erde. Und schon so viele der Grossen wussten ihre hiesigen Wanderungen zu Papier zu bringen. Ich bin kein Fontane, aber immerhin fühle ich diesen Moment so echt und klar und grossartig, dass mir nicht mal der restliche Alkohol zusetzt. Also laufe ich. Beim Versuch so wunderbar tief zu atmen, muss ich leider meinem Raucherhusten den Vortritt lassen und kotze nochmal fast. Aber ich beruhige mich zum Glück wieder, niemand kam vorbei. Ich laufe bei Onkel Tom runter vom Deich und nehm die Abkürzung quer durch die Wiese. Ich habe ja mein Ziel. Noch ein paar Meter mehr, noch ein Stückchen weiter. Den Weiher kann man kaum noch sehen und die Stadt wirkt jetzt so gleich und fernab. Ich fühle mich so gut, denn hier wird niemand sein. Niemals. Und grade aus, ich gehe darauf zu. Ich sehe die grosse Weide stehen, ungestüm spendet sie Schatten, den ich heute unbedingt brauche. Ich klettere über die Eisenstreben und schlüpfe hinein auf mein kleines Stückchen behutsamen Landes. Und hinten an der Ecke, kurz vor Schluss, links vom Baum, da steht sie. Verrostet und unbrauchbar, eine alte Badewanne. Sie diente einst als Tränke, als hier noch Kühe standen. Niemand braucht sie jetzt, niemand kennt ihren Nutzen. Und niemand kommt her, um nochmal nachzusehen, ob sie noch ist. Ich lege mich auf den abschüssigen Hang unter der Weide. Die Tränke im Rücken, das weite Feld vor mir. Ich denke an Vater Briest und sein weites Feld. Das muss er gemeint haben, als er nicht mehr zu erklären im Stande war, was seiner Tochter für Fragen kamen. Ich liege hier im Gras, es duftet nach trockenem Sommer und aufgehendem Morgen. Der Tag ist jung. Ich wünschte, ich würde ewig sein. Ich zünde eine Kippe an und ziehe ein paar schnelle Züge, drücke sie aus und schnippe sie weg. Die Weide steht unverändert und ihre rauschenden Äste und Blätter singen ein Lied und beschützen mich hier in der Abgeschiedenheit. Mein liebster Ort. Hier begrabe ich all meine Träume, hier lasse ich alles zurück.

060417

Ein Elefant im Meer

Gross und unbehaglich erfüllen mich Gedanken. Keine Ahnung woher die wieder kommen. Und ich weiss auch nicht, wohin die eigentlich wollen. Aber sie sitzen hier, wie ein Affe auf der Schulter; schauen nach links und rechts, werfen mit Fragen um sich. Dann seh ich all die andern, die Menschen, wie sie regungslos vor sich hin starren. Und pralle Beine quellen aus zerrissenen Stretch-Jeans. Es dudelt leise Musik aus zu laut aufgedrehten Kopfhörern. Eine Oma blättert ohne jeglichen Rhythmus in einer Zeitung. Wir rollen einheitlich gelähmt in Richtung Stadt. Ich sehe keine Gesichter, ich sehe nur Augen. Paarweise sehen sie ins Nichts, aus den verdreckten Fenstern, auf den versifften Boden, beschmiert mit unerklärlichen Flüssigkeiten und Kaffee und Cola. Ein paar Sonnenstrahlen fallen engelsgleich durch die wenig durchlässigen Scheiben hinein, bestrahlen Schösse und Schritte, einer zieht gleich das Rollo runter. Zu viel Licht zeigt halt auch den ganzen Dreck ganz offenbar. Ganz klar. Und wunderbar erheitert ziehen sich meine Mundwinkel leicht nach oben. Nichts ist passiert, gar nichts geschehen. Doch ich weiss schon, gleich werde ich mich erheben von diesem miefenden Platz mit den tausend Menschen. Ich werd aufstehen, werd rausgehen. Und dann stehst da du. Mein Herz flattert nahezu. Was soll der Scheiss? Ich finde mich in einem Zug wieder, der stinkt wie ein Zoo. Menschen rattern wie im Tiertransport von A nach B und keiner sagt ein Wort. Eine so klangvoll laute Stille, dass dir die Ohren platzen. Getuschel und manchmal ein Schrei, wie im Irrenhaus, manchmal Kinderlachen, manchmal einfach nur Sein. Mancher Vater beschwert sich bei seinem Sohn über die dreckigen Schuhe, die er trägt. Eine Nonne steht von Angesicht zu Angesicht mit einem, dessen Haare hochgestellt und kunterbunt sind, dessen Gesicht so viel Metall trägt, und doch lerne ich hier die wahre Menschlichkeit. Zwei Gesichter. Zwei lächeln. Der Familienvater wirkt verstört darauf. Mir ist es scheissegal. Ich hoffe, das Kind hört auf zu schreien, es übertrifft jeden ertragbaren Ton um Längen. Meine Nerven sind zum Bärsten gespannt, meine Hoffnung erblüht, wie die Narzissen im Frühling. Ein Sonnenstrahl verschluckt meine Ungeduld und wandelt sie in Schamesröte. Die Vorstellung, gleich in deinen Armen zu versinken, treibt es heiss in mir hoch. Was denke ich nur? Das Leben ist echt eine Farce, kein Weg führt an irgendetwas vorbei. Wir leben genau das, was für uns gemacht ist. Alles fügt sich. Alles rügt mich. Karma ist ein Arschloch, aber das spüren vor allem die anderen. Ich bin dankbar. Ich bin klar. Und ich sehe plötzlich, beim Anblick der nahstehenden und vorbeirasend verschwimmenden Bäume: ich bin unverzeihlich. Ich merke unvergesslich. Wie ein Elefant im Meer. Ich komme nicht weiter, ich hänge fest und bin riesengross. Es übermannt mich fast, doch schwimmen kann ich nicht für immer. Und ich sinke und ertrinke. Fast hoffnungslos und ohne Chance, ich treibe so dahin. Und Mitten in diesem Nichts, wir halten an. Ich setze einen Fuss vor den anderen und plötzlich, ich stehe am Bahnsteig und blicke um mich. Links und rechts, der Affe ist verschwunden. Die Anzeige klickt, Menschen rasen an mir vorbei. Ich nehme den Moment und schaue in mich hinein, blicke nach unten, auf mein Köfferchen, meine Schuh. Ich halte mich nochmal ganz stark fest, drücke die Augen zu und hoffe. Ich öffne die Augen wieder, langsam, vorsichtig – blicke um mich und schon stehst da du. Dein Lächeln rettet mich. Deine Arme ziehen mich aus dem Meer. Und ich höre auf ein Elefant zu sein und ich erinnere mich auch nicht mehr, was mich dazu machte. In deinen Armen, schenkst mir dein Lächeln, gibst mir dein Wort. Klar, alle Sorgen und Ängste, sie fliegen fort und der Zug hinter mir, er nimmt sie einfach mit sich mit. Ich bin jetzt nur noch froh, dass es dich gibt. Denn gegen jede Wahrscheinlichkeit verfalle ich dann doch wieder in diese hoffnungslose, erblindende Romantik. Aber was solls schon, ich entschuldige mich nicht mehr dafür, so zu sein, wie ich bin. Nimm mich und nimm es halt so hin! denk ich still bei mir, als ich mich wieder und wieder in deinen Augen verlier. Und verloren hab ich eigentlich nichts, ausser die Angst vorm Ertrinken. Die ist verflogen und hat den Elefanten mitgenommen.

050417

Selbstzerstörung

Alles passiert, obwohl sie es so viel besser weiss. Alles passiert, und die ganze Scheisse dreht sich doch nur wieder um das Gleiche. Keine Ahnung, woher sie das nimmt, keine Ahnung, wohin sie das zu führen glaubt. Aber der Weg endet wieder im Chaos und verläuft sich im Sand. Sie glaubt an ein verdammtes Glück, dass es für sie ja doch nicht gibt. Nur in diesem einen echten Moment. Doch den zu erleben, stellt sie sich ins  Feuer und lässt sich beschiessen, mit all diesen Dramen und Tragödien in ihrem Kopf; sieht nichts ausser Nacht und wartet darauf, dass er sie herausholt. Unvernunft gesellt sich zu all ihren Träumen, von Logik keine Spur und ohne es abzusprechen: sie lebt plötzlich in diese Blase, in ihrem Traum; sie fällt vom Rand der Welt für das grosse Nichts, das ihr Niemand versprochen hat. Sie merkt mehr und mehr, sie zieht es wieder an, sie macht sich charmant und unwiderstehlich; sie lockt mit Botenstoffen und ihrem ganzen Körper und niemand sieht ihre Seele, sieht ihr Herz. Sie denkt sich, so eine Scheisse wieder, woher soll ich wissen was echt ist und was nicht? Und verlangen kann sie nichts und vertrauen kann sie nicht mal sich selbst, reitet sie sich immer wieder genau bis hierhin und kommt dann nicht weiter mit ihrem gefühlsüberladenen Herz. Alle Worte fliegen durch ihr Hirn, in Dunkelheit ergibt sich nur die Tragik der Situation wieder. Er schreibt und schreibt nicht; er lag die Nacht sicher in einem anderen Bett und sie kann es ihm nicht mal verübeln, haben sie doch gar keine Abmachungen getroffen. Und doch traktiert es sie unaufhörlich mit einer neckischen Ironie im Hinterkopf: du lässt wieder alles steh’n und liegen, weisst deine Typen ab und verzichtest auf jede Berührung und jeden Sex, weil du dir wirklich einbildest, dass das irgendwo hinführen kann – mit den vielen Kilometern zwischen ihnen, mit den vielen Steinen, die dort schon in den Weg gestapelt wurden. Und all diese blöden Hoffnungen und Traumbilder hält sie aufrecht und hält sie hoch, weit über sich und weit über den doch so wichtigen Dingen, die sie sich vorgenommen hat. Verblödet von ihrem Gefühl macht sie die Nacht zum Tag und hängt da, mit ihm, in Schriftform und ohne jegliche Ahnung von seiner Echtheit. Sie vertraut ihrem komischen Bauchgefühl, sie glaubt zu wissen, was es ist; sie glaubt zu fühlen, egal der Kilometer, egal der reellen Begegnung: sie glaubt und das reicht ihr schon aus für grosse Tränen, für grosse Worte; für irgendeine beknackte Gewissheit über diesen ihr unbekannten Geliebten. Und es bringt nichts, sich dagegen zu sträuben, sie ist dem ganzen Zeug einfach erlegen, wie ein zerbrechliches Reh. Sie erliegt ihren eigenen Phantasien über einen Menschen, den sie nie traf. Sie erliegt dem Gefühl, dass sie sich mit diesem Mann wünscht. Und läuft wieder wie in eine Kettensäge, die sie  auseinanderreisst, wenn sie die Realität endlich sieht und alle Hoffnungen über den Haufen schmeissen muss; weil das Idealbild irreführt und weil es doch nie in echt in Erscheinung treten kann. Wie ein Wahn rennt sie diesem Bild hinterher und hüllt sich in Tränen, wenn es sich nicht erfüllt. Scheiss Gefühle, denkt sie sich. Scheiss Schmetterlinge und scheiss Frühling. Aber so beschissen findet sie es gar nicht, und will ihn trotzdem treffen und dreht jede Unwahrscheinlichkeit in Normalität. Selbstzerstörerisch, wie sie eben ist, nimmt sie diese grossen Gedanken auf sich und begibt sich endlich in den Zug, der zu ihm führt. Ihr Herz springt fast aus dem Fenster, als sie in den erhabenen Bahnhof einfährt, in dem erwartete Gefühle wartend stehen und sie aus dem Zug gehen sehen, ihr eine Hand reichen und sie sofort in die Arme schliessen und ihr diesen einen, echten Moment schenken, der schon längst ausreicht um ihre unsinnigen Gefühle zu erwidern. Und sie hatte gehofft, dass es nicht so wird; dass es einfach ganz anders ist, das es keine grossen Gefühle bestätigt und gar nicht funkelnd und glitzernd ein Traumschloss aufgebaut werden kann. Einfach, damit es einfach erledigt ist; damit keine weiteren Hoffnungen gebaut und zerstört werden können. Sie ist schon so kaputt und sie ist schon so durch mit allem und trotzdem glaubt sie immer noch an dieses Konzept von der Liebe und dem Glück, ich meine, im Ernst jetzt – wie kann sie das eigentlich, nach all der anderen Scheisse? Und doch, sie hängt nun da und fühlt es und weiss es schon, dass der Abschied in den nächsten Tagen schlimmer wird, als die ganze doofe Warterei zu diesem Augenblick es war. Und sie ärgert sich. Warum hört sie nicht einmal auf die Vernunft, nicht zu fahren, nicht zu lieben, nicht alles wissen zu müssen, sondern einfach aufzuhören, wenn der Moment einmal schön ist? Nein. Und, überlegt sie sich, für ihn ist das alles nur ein furchtbar heisses Abenteuer, eine klassische Affaire, weil die Umstände beschissen sind und es auch nicht besonders viel Sinn macht, mit den hunderten von Kilometern und den ganzen anderen Felsen, die mittlerweile im Weg liegen. Die Unwahrscheinlichkeit winkt ihm zu und tapeziert sein Herz; sie lässt für ihn eine Ruhe einkehren, die sich nur auf ihren Körper konzentrieren kann; ohne das mulmige Gefühl im Bauch, was sie so sehr quält. Die Liebe ist wie ein Furz, man hofft immer, dass es endlich kommt und wenn es da ist, soll es schneller verfliegen; weil es am Ende eigentlich nicht so schön ist, wie man es sich vorgestellt hat. Er weiss das und geniesst den Moment, jeden Moment, nicht nur mit ihr. Und sie, trotz der Warnungen, trotz der Zeichen, trotz ihrer eigenen Worte, die monatelang sagten „Sei dir nur selbst wichtig“ – all dem zum Trotze, sie schmeisst sich voll rein und lässt sich nicht davon abbringen, zu leiden für dieses unnötige Gefühl.

Und da steht sie nun, fast eine Träne im Auge, obwohl es grad mal die Begrüssung ist.

020417 

Massgeschneidert

In einer klaren Winternacht, da hat sich ihr Weltenbild völlig gedreht und sie hat es allen Ernstes vollbracht, sich selbst so zu verraten, dass ein Schritt zurück keinen Unterschied mehr machte. Eine klare Winternacht vor diesen Jahren und viele Worte, viele Fragen, und eigentlich sprach sie sie nicht für sich und doch brachte sie sie hervor – und sie erklungen in des anderen Ohr. Es schmerzte ihr, es tat so weh, denn niemals verlor sie sich in einem Streit mit ebendiesem, denn mehr als Liebe konnte sie ihm nie antun und nun und nun – nun sprach sie und sie schrie förmlich, etwas, was sie von sich selbst nicht kannte und an sich auch nicht mochte, denn das tat ja nur der Hundsverlochte. Und doch, so stand sie da, wie in einem Wahn und schrie die andere Hälfte an, schob Schuld und Lasten hin und her, wollte doch eigentlich nur raus und fort; sie wollte gar nicht mehr. Sie erkannte sich selbst nicht mehr und ihr wurde das Herz so schwer, nie hatte sie diese Hälfte so verletzt und sich selbst damit gleich in einen unmöglich verbauten Ausweg gesetzt. Keine Flucht war mehr zu denken, kein Entkommen aus diesen Wänden und Gelenken. Wie gefangen sass sie da, tränenüberströmt und arm, klein und zu tiefst betroffen, flüchtete sich in Träume, die sich real anfühlten und fing irgendwohin an zu hoffen, dass dies einmal ein Ende haben würde – nahm aber doch nicht den Mut, überwand nicht diese überflüssige und aufgebürdete Hürde. Sie sagte sich selbst, dass würde er ihr nie verzeihen, denn ihre Worte waren nicht alle wahr und gar und ach auch nicht so schlimm, doch der Eine drehte alles so, wie er es für sich Nutzen machte, alles in seinem Sinn. Früher, dachte sie, sagte einmal eine Frau zu mir „Du bist ein schönes Kind, und nicht dein Haar und deine Augen, nicht die Hüften oder deine Lippen sind hiermit gemeint; nein, du bist ein schöner Mensch, denn von innen her strahlt da ein ganz besonderer Schein“. Und sie dachte daran und fühlte diese Worte, die sie erst heute verstand – als sie nicht mehr schön war, kein schöner Mensch hätte je so gesprochen und geschrien und es wunderte sie nicht, wurde ihr nicht verziehn. Seither versucht sie, ihre Schönheit wieder zu finden; das innere Strahlen zurück zu gewinnen, und Worte fallen ihr so schwer, wie immer schon; das ist die ganze Wahrheit und ein einziger Hohn. Der Eine nutzte das aus und provozierte das Geschrei, dass der anderen Hälfte so zusetzte, damit sie sie und sich selbst damit dermassen verletzte, dass sie nicht mehr gehen konnte – denn er machte ihr wissen, dass sie nur ihn hatte und niemand anderen. Und sie verharrte und erstarrte, sie versuchte nichts und blieb stumm stehen und wusste klar: Wohin sollte ich auch gehen? Niemand würde mich verstehen, niemand wird mir je verzeihen. Also muss ich mich fügen und in mein nun gewähltes Schicksal einreihen. Er machte sie sich massgeschneidert, wie einen Anzug, und sie trug ihre Maske, die sie erdrückend fand und abgrundtief hasste. Wie konnte einer, der die wahre Schönheit in ihr erkannte, nur diese Maske lieben; wie konnte er zulassen, dass sich all die zahlreich und bunten Facetten in ihr zu einem Grau vertrieben? Jede Phantasie wich der Struktur und jedes Lachen quälte sie denn nur, sie wusste nicht einmal warum sie sich dem hingab, doch irgendwann führte alles nur noch bergab und weiter und weiter in die Scheisse rein, sie konnte nicht mehr zurück gehen und wusste nicht mehr, wie sie selbst zu sein.

290317

Blickwechsel

Unscheinbar und wüst, mit zerzaustem Haar, getragen vom Wind, durchstreift sie die Strassen. Gestresst und gehetzt, von all dem Grau und all den wirren Massen, versucht sie nur Klarheit zu finden und sucht nach Antworten und einem Sinn. Doch viel Zeit zum Grübeln bleibt ihr ja gar nicht, denn sie muss weiter, hetzen und fetzen, rennen und laufen, und laufen und laufen, um noch die nächste Bahn zu erwischen und nicht wieder zu spät zu sein. Doch irgendwann ist immer zu Spät und der richtige Zeitpunkt scheint längst verpasst. Das Getümmel der Menschen in der Strassenbahn, sie fährt, sie hält wieder an, sie fährt und dann – sie blickt aus dem Fenster, wie immer, stumm vor sich hin, hört ein paar Töne, Klänge in ihrem Ohr und fahndet nach einem tieferen Sinn. Die Scheibe ist dreckig, der Schmutz in Tropfenform fest angetrocknet, ein paar alte Fliegen liegen am Fensterscheibenrand; doch all der Tristesse zum Trotz, stehlen sich die Sonnenstrahlen durch das Glas und wärmen ihr Gesicht. Das Surren der Türen, das Piepen fürs Halt, das Murren all der Menschen und das Kindergeschrei. Sie hat das nicht gern, sie verkriecht sich lieber in sich und entgeht diesem Lärm des alltäglichen Menschenangesichts. Der nächste Halt ertönt, Paradeplatz, und sie steigt aus, läuft durch das Viertel und findet nicht wieder heraus aus dem Alltag und all diesem Trott, lässt sich treiben zwischen hunderten Armen und Füssen, die auch alle dringend irgendwo hin müssen. Mühsam und träge so zieht sich je her der Verkehr in dieser Stadt, auf Strasse und Gehsteig gleichermassen; macht keinen Unterschied, ob Räder drunter passen. Sie läuft und schaut manchmal auf und sieht hie und da in ein Gesicht, sie weiss es ist nicht deins, denn sie fühlt das nicht. Sie sucht in all den Augen, in allen Ecken; sie hofft, du würdest dich doch einfach und simpel nur ausversehen dort verstecken. Ihre Wege gehen, sie führen an all denen vorbei, an Grossen und Kleinen, Dicken und Dünnen, an unsagbar Schönen und an denen, die niemals gewinnen. Ein kleines bisschen Glück, das hat sie sich gewünscht. Sie hetzt zum Termin, setzt sich dort hin und wird wartend gelassen, in einem kleinen Vorzimmer irgendeines Büros in einer kleinen Gasse. Gespräche und Worte, Fetzen erreichen sie nur. Der Termin zieht vorüber, wieder hängt sie sich ein in die immerwährende Schnur von Menschen, die weiter ziehen und gehen und laufen. Und dann beschliesst sie, ganz spontan: jetzt fange ich es richtig an! Sie geht zur nächsten Strassenbahn und die führt direkt zum Hauptbahnhof, sie folgt dem Sog der Pendelnden und der Leute, doch heute geht sie nicht nach Haus, sondern löst ein Ticket und malt es sich schon aus; wie sie im Zug sitzt in die weiter Ferne, um dich zu begrüssen – ja das will sie, nur ach so gerne. Und wenn es nur ein paar Worte sind, doch von dir möchte sie den Lärm, sie möchte von deiner Hand berührt werden und weiss, du wirst sie wärmen. Und sie setzt sich in den Zug, mit einer Genugtuung keiner gleichen, denn in nur sieben Stunden wird sie endlich deinen Blick erreichen, den sie so sehr auf ihr spüren will; dein Blick, dein Lächeln, und schon wird sie behutsam, wird still, entflieht der Hektik und den ganzen Ärgernissen, um zu spüren, wie es sich anfühlt, dich zu küssen.

270317

Traumtanz

Wenn die Wellen höher schlagen, als dein Herzschlag es erlaubt; wenn die Gefühle sich übertragen, durch alle Zeit und Raum; wenn die Entfernung sich von dir entfernt und langsam aber sicher aus irrem Zufall und ohne Grund dein Herz dir wärmt – dann solltest du verstehen, dass es ein kleiner Traum ist in dem du beginnst dich langsam zu drehen. Und alle Worte fallen dir so leicht, die Sprache ist ganz gleich, und auch der Ausdruck ist ganz egal – du findest wieder zu deinem Herzen zurück, so leicht und ohne jede Qual. Du springst mitten hinein und du merkst es nicht, du drehst dich immer schneller und aus Bewegung und Licht und Schatten – mitten in diesem Wirrwarr von Denken und Fühlen, ersiehst du plötzlich und unscheinbar dieses wunderschöne Gesicht und es strahlt dich an und es lächelt, ehrlich, es lächelt, behutsam und die Augen leuchten mit Wahrheit erfüllt und du hast nur gewünscht und gehofft, irgendwo in dir drin auch gewusst, dass du es irgendwann fühlst und siehst und dass es diesen Menschen geben muss. Du spürst, wie sich deine Mundwinkel etwas heben, immer bei diesem Gedanken daran. Du spürst, wie die Röte dir ins Gesicht geht, mit jeder Silbe, jedem Wort. Und du träumst dich dorthin, du wünschst dich einfach ein Stückchen näher, eine Minute schneller, an diesen dir unbekannten und unverhofften Ort. Deine Phantasie lässt ihn auferstehen, diesen Traum, du siehst und spürst und verwachst schon kaum noch und gehst einfach weiter und lässt dich treiben, heiter und vergnügt, bis der Traum dich fasst und mitzieht und die Ebenen wechselt; sodass es dir schwer wird im Gemüt. Du verwachst und wachst doch nicht auf, du hoffst und gibst auch schon auf, bevor begonnen hat, was noch nicht war, und du fühlst mit einer Klarheit und kennst ja doch die bittersüsse Wahrheit vom Wegsein und vom Vermissen schon. Trotzdem tanzt du diesen Traum, denn wer sollte es dir verbieten, wer kann es dir vermiesen, das Schöne und Süsse so zu vermissen, mit deiner überschwänglichen Leidenschaft, hast du dich in diese unsagbare Gefahr gebracht, dich zu verlieben, was du nur durch Worte kennst – mit der vornweg geschriebenen Warnung, dass du dich vielleicht verrennst. Und doch und ach und sowieso, was macht es schon, macht es dich froh. Wohin sollt der Weg auch führen, tausend Bilder, immer diese Augen, die dir deinen Atem rauben und ein Lächeln, das vor Frohsinn nur so strotzt; kein Wunder, dass du aller Vernunft hier trotzt. Du vermisst eine Wärme, die du noch nie spürtest und trägst es mit dir, wie ein tolles Geheimnis, das du mit Sorgfalt hütest. Und keiner kann es dir nehmen, du hörst dich nicht auf zu drehen, du siehst es verschwommen, aber stetig weiter auf dich zukommen und kannst es kaum erwarten, raubt die Faszination dir fast den Atem; lässt dich treiben und lässt dich gehen, kannst das Glück schon in weiter Ferne sehen und du führst ihn weiter, tanzt deinen Traum, lässt dich führen, ohne Zeit und Raum; nur von diesem Lächeln, was er dir schenkt, als hätte ihn dein Herz gelenkt.

260317