Für ein Leben

Blicke, die sein Gesicht mustern.
Sie kleben an ihm, lernen jeden Winkel von ihm
kennen und lieben.

Jedes Detail, ob grob oder fein, nehmen sie auf
diese zwei Augen, tief und innig,
suchen im Jezt und Hier die Wirklichkeit zu verschieben.

Im Augenaufschlag, nur für einen Moment,
das Gespür für den Hauch einer Chance,
das Gespür, weil er bleibt – weil er nicht davonrennt.

Dann ist es wahr, jede Sekunde gemeinsamer Zeit
und alles ist da, an dem Ort, an dem
es sich fügt und in sanfte Bahnen neigt.

Hände, die sein Gesicht erkunden.
Sie tasten jeden Millimeter, lernen jeden Winkel
kennen und lieben – für Sekunden und Minuten und Stunden

vielleicht für ein Leben.

12022020

Rauschen

Dröhnend rauscht es in den Ohren.
Nur vage zu erahnen, nur zum Denken auserkoren.
Es nimmt so viel mit, es lässt alles zurück –

Wohin ist es verschwunden,
das ganze, das einzigartige, dieses geheime
Stück vom Glück?

Gefressen von Fragen und Fragen über Fragen,
kaum zu erahnen, was diese in sich vergraben.
Nehmen sie alles davon, bringen die Wirklichkeit –

Im Glauben daran, es hätte doch noch ein
wenig Zeit, ein bisschen mehr wäre da gewesen,
so war es deutlich in diesen zwei
wundervollen Augen zu lesen.

Vertraut und plötzlich doch so fern,
erloschen wie ein leuchtend heller Stern,
Liebe war es, die es verschreckte,
auch wenn so viel Gutes in ihr steckte.

02022020 

Gedanke

Aus dem Traum erwacht
gehe ich mit
der Träne im Gesicht
zurück.

Aus den Trümmern erhoben,
wie aus tiefem Schlaf,
laufe ich mit
tiefer Sehnsucht im Blick.

Aus Gedanken gerissen,
die mich zu dir doch führten,
plötzliche Klarheit über das Sein,
werde ich diese Reinheit hüten.

19012020

Auf der Suche

Verlaufen
auf dem Weg nach
Hause, zu mir zurück.

Immer auf der Suche
liegst in der Ewigkeit wach,
findest doch kein Glück.

Verirrt
durch alle Gärten der Welt,
gewandelt ohne Plan.

Unwissend immer voran,
doch nichts was Dich hält,
ein knappes Stück am Wahnsinn entlang.

Vergessen
jeden Schmerz, jede Träne,
die Du unachtsam vergossen.

Und immer
in unendlicher Liebe Dich wähnend
– jede Liebe endlos genossen.

281219

Mehr.

Kleine Schritte, unaufhaltsam auf mich zu,
ein sanftes Lächeln, meine Gedanken
immer du und du und du.

Kleine Blicke, von Verführen, von Verlangen
gewissenhaft, echte Gefühle
worin nur haben wir uns verfangen?

Kleine Berührung, das Streicheln deiner Hand
an meinem Schenkel, meiner Haut –
du weisst es ja, raubst mir den Verstand.

Kein. Wort. Mehr.
Nur grosse Augen; Körper so nah, fast verschmolzen in einander,
das schönste Gefühl – sehnen wir uns beide, so sehr?

221119

Schiff ohne Anker

Wie ein Schiff ohne Anker, treibe ich dahin, finde keinen Halt.
Wie ein Schiff ohne Anker, einfach ständig in Bewegung, ständig losgerissen, allen Wendungen und Wettern ausgesetzt –
wie ein Schiff ohne Anker, dafür werd‘ ich langsam zu alt.

Und wenn es kentert.
Dann bin ich das Treibholz im Meer, eine Seele, die es zieht – und es zieht sie so sehr!
Ich treibe davon, nachdem es zerschellte. Gerade zu auf die berstenden Wellen, die Wogen hinaus, denke ich an die Zukunft; komm gar nicht draus.

Wie angespült an diesen Strand, der Sehnsucht und Hoffnung vereinte.
Am Strand voller Träume, aus längst vergangenen Leben, die ich einst lebte. Ich blicke zurück, schaue in Augen und hoffe, dass das Glück endlich keimte.

Und wenn es mich erfüllt.
Ein Lächeln, ein Hieb, ein kurzer Moment nur musste es sein. Ein Halten, die Worte und fast mit Gewalt stürzte es wieder auf mich hinein – trunken von Phantasie, trunken von Träumen, die wie brechende Wellen mein Herz fast überschäumen.

Wie Realität holt es mich zurück und lässt mich doch in manchen Augenblicken noch diese Tiefe einmal erblicken; bin nicht gestrandet, bin nicht angekommen –
das Schnappen nach Luft, als würde meine Seele innen doch ersticken.
Ertrunken in Mitleid, hab ich das gewollt?

Dabei hoffte, dabei träume ich doch nur davon, noch einmal nah zu sein, ohne gestern und ohne morgen. Ich verstehe es, verstehe all die Bedenken, verstehe alle Sorgen.
Ich verstehe die Realität, ich weiss, es kann ja nicht sein. Fühle trotzdem, kehre in mich hinein, kehre es aussen hervor und weiss doch eigentlich,
bin längst schon ertrunken bevor ich erfror.

271019

Blickwechsel

Unscheinbar und wüst, mit zerzaustem Haar, getragen vom Wind, durchstreift sie die Strassen. Gestresst und gehetzt, von all dem Grau und all den wirren Massen, versucht sie nur Klarheit zu finden und sucht nach Antworten und einem Sinn. Doch viel Zeit zum Grübeln bleibt ihr ja gar nicht, denn sie muss weiter, hetzen und fetzen, rennen und laufen, und laufen und laufen, um noch die nächste Bahn zu erwischen und nicht wieder zu spät zu sein. Doch irgendwann ist immer zu Spät und der richtige Zeitpunkt scheint längst verpasst. Das Getümmel der Menschen in der Strassenbahn, sie fährt, sie hält wieder an, sie fährt und dann – sie blickt aus dem Fenster, wie immer, stumm vor sich hin, hört ein paar Töne, Klänge in ihrem Ohr und fahndet nach einem tieferen Sinn. Die Scheibe ist dreckig, der Schmutz in Tropfenform fest angetrocknet, ein paar alte Fliegen liegen am Fensterscheibenrand; doch all der Tristesse zum Trotz, stehlen sich die Sonnenstrahlen durch das Glas und wärmen ihr Gesicht. Das Surren der Türen, das Piepen fürs Halt, das Murren all der Menschen und das Kindergeschrei. Sie hat das nicht gern, sie verkriecht sich lieber in sich und entgeht diesem Lärm des alltäglichen Menschenangesichts. Der nächste Halt ertönt, Paradeplatz, und sie steigt aus, läuft durch das Viertel und findet nicht wieder heraus aus dem Alltag und all diesem Trott, lässt sich treiben zwischen hunderten Armen und Füssen, die auch alle dringend irgendwo hin müssen. Mühsam und träge so zieht sich je her der Verkehr in dieser Stadt, auf Strasse und Gehsteig gleichermassen; macht keinen Unterschied, ob Räder drunter passen. Sie läuft und schaut manchmal auf und sieht hie und da in ein Gesicht, sie weiss es ist nicht deins, denn sie fühlt das nicht. Sie sucht in all den Augen, in allen Ecken; sie hofft, du würdest dich doch einfach und simpel nur ausversehen dort verstecken. Ihre Wege gehen, sie führen an all denen vorbei, an Grossen und Kleinen, Dicken und Dünnen, an unsagbar Schönen und an denen, die niemals gewinnen. Ein kleines bisschen Glück, das hat sie sich gewünscht. Sie hetzt zum Termin, setzt sich dort hin und wird wartend gelassen, in einem kleinen Vorzimmer irgendeines Büros in einer kleinen Gasse. Gespräche und Worte, Fetzen erreichen sie nur. Der Termin zieht vorüber, wieder hängt sie sich ein in die immerwährende Schnur von Menschen, die weiter ziehen und gehen und laufen. Und dann beschliesst sie, ganz spontan: jetzt fange ich es richtig an! Sie geht zur nächsten Strassenbahn und die führt direkt zum Hauptbahnhof, sie folgt dem Sog der Pendelnden und der Leute, doch heute geht sie nicht nach Haus, sondern löst ein Ticket und malt es sich schon aus; wie sie im Zug sitzt in die weiter Ferne, um dich zu begrüssen – ja das will sie, nur ach so gerne. Und wenn es nur ein paar Worte sind, doch von dir möchte sie den Lärm, sie möchte von deiner Hand berührt werden und weiss, du wirst sie wärmen. Und sie setzt sich in den Zug, mit einer Genugtuung keiner gleichen, denn in nur sieben Stunden wird sie endlich deinen Blick erreichen, den sie so sehr auf ihr spüren will; dein Blick, dein Lächeln, und schon wird sie behutsam, wird still, entflieht der Hektik und den ganzen Ärgernissen, um zu spüren, wie es sich anfühlt, dich zu küssen.

270317