Zuhause fühlen

Ich sitze im blauen Bus, gleich neben dir. Das Radio ist an, die Melodie erklingt und mein Lächeln wird immer breiter. Du schaust zu mir rueber und siehst all das Glück in meinem Gesicht, das Funkeln in meinen Augen. Der Traum ist jetzt wahr. Wir fahren auf der weiten Straße in Richtung Horizont. Wir fahren und fahren und es ist einfach das absolute Gefühl von Freiheit und Glück. Meine Füsse auf den Amaturen tänzeln im Takt, ich pfeife das Lied und der warme Wind durchs Fenster zerzaust mein Haar. Es macht mir nichts, denn es passt zu dem weissen, luftigen Sommerkleid, dass leicht auf meinem Koerper liegt. Dein Grinsen verrät mir, dass du glücklich bist. Keine Sorgen, kein Morgen – nur der  Moment, wir zwei gegen den Rest der Welt. Was kann schon passieren? Du fährst ran und hältst, drehst das Radio furchtbar laut und nimmst mich an der Hand mit raus. Wir klettern auf das Dach vom Bus und tanzen mit Blick in die untergehende, warme Sonne.

Und tanzend, völlig losgelöst, wie ich hüpfe und springe, wie Schwerelosigkeit, und plötzlich deine Hand in meinem Haar, streicht es mir aus dem Gesicht und der durchdringende Blick deiner Augen, dann dein sanfter Kuss –

Irgendwo im Nirgendwo, eine Straße, die nicht endet, und trotzallem, wo auch immer:

ES FüHLT SICH WIE ZU HAUSE AN.

[ zu – Edward Sharpe & The Magnetic Zeros –]

100711

Ein Elefant im Meer

Gross und unbehaglich erfüllen mich Gedanken. Keine Ahnung woher die wieder kommen. Und ich weiss auch nicht, wohin die eigentlich wollen. Aber sie sitzen hier, wie ein Affe auf der Schulter; schauen nach links und rechts, werfen mit Fragen um sich. Dann seh ich all die andern, die Menschen, wie sie regungslos vor sich hin starren. Und pralle Beine quellen aus zerrissenen Stretch-Jeans. Es dudelt leise Musik aus zu laut aufgedrehten Kopfhörern. Eine Oma blättert ohne jeglichen Rhythmus in einer Zeitung. Wir rollen einheitlich gelähmt in Richtung Stadt. Ich sehe keine Gesichter, ich sehe nur Augen. Paarweise sehen sie ins Nichts, aus den verdreckten Fenstern, auf den versifften Boden, beschmiert mit unerklärlichen Flüssigkeiten und Kaffee und Cola. Ein paar Sonnenstrahlen fallen engelsgleich durch die wenig durchlässigen Scheiben hinein, bestrahlen Schösse und Schritte, einer zieht gleich das Rollo runter. Zu viel Licht zeigt halt auch den ganzen Dreck ganz offenbar. Ganz klar. Und wunderbar erheitert ziehen sich meine Mundwinkel leicht nach oben. Nichts ist passiert, gar nichts geschehen. Doch ich weiss schon, gleich werde ich mich erheben von diesem miefenden Platz mit den tausend Menschen. Ich werd aufstehen, werd rausgehen. Und dann stehst da du. Mein Herz flattert nahezu. Was soll der Scheiss? Ich finde mich in einem Zug wieder, der stinkt wie ein Zoo. Menschen rattern wie im Tiertransport von A nach B und keiner sagt ein Wort. Eine so klangvoll laute Stille, dass dir die Ohren platzen. Getuschel und manchmal ein Schrei, wie im Irrenhaus, manchmal Kinderlachen, manchmal einfach nur Sein. Mancher Vater beschwert sich bei seinem Sohn über die dreckigen Schuhe, die er trägt. Eine Nonne steht von Angesicht zu Angesicht mit einem, dessen Haare hochgestellt und kunterbunt sind, dessen Gesicht so viel Metall trägt, und doch lerne ich hier die wahre Menschlichkeit. Zwei Gesichter. Zwei lächeln. Der Familienvater wirkt verstört darauf. Mir ist es scheissegal. Ich hoffe, das Kind hört auf zu schreien, es übertrifft jeden ertragbaren Ton um Längen. Meine Nerven sind zum Bärsten gespannt, meine Hoffnung erblüht, wie die Narzissen im Frühling. Ein Sonnenstrahl verschluckt meine Ungeduld und wandelt sie in Schamesröte. Die Vorstellung, gleich in deinen Armen zu versinken, treibt es heiss in mir hoch. Was denke ich nur? Das Leben ist echt eine Farce, kein Weg führt an irgendetwas vorbei. Wir leben genau das, was für uns gemacht ist. Alles fügt sich. Alles rügt mich. Karma ist ein Arschloch, aber das spüren vor allem die anderen. Ich bin dankbar. Ich bin klar. Und ich sehe plötzlich, beim Anblick der nahstehenden und vorbeirasend verschwimmenden Bäume: ich bin unverzeihlich. Ich merke unvergesslich. Wie ein Elefant im Meer. Ich komme nicht weiter, ich hänge fest und bin riesengross. Es übermannt mich fast, doch schwimmen kann ich nicht für immer. Und ich sinke und ertrinke. Fast hoffnungslos und ohne Chance, ich treibe so dahin. Und Mitten in diesem Nichts, wir halten an. Ich setze einen Fuss vor den anderen und plötzlich, ich stehe am Bahnsteig und blicke um mich. Links und rechts, der Affe ist verschwunden. Die Anzeige klickt, Menschen rasen an mir vorbei. Ich nehme den Moment und schaue in mich hinein, blicke nach unten, auf mein Köfferchen, meine Schuh. Ich halte mich nochmal ganz stark fest, drücke die Augen zu und hoffe. Ich öffne die Augen wieder, langsam, vorsichtig – blicke um mich und schon stehst da du. Dein Lächeln rettet mich. Deine Arme ziehen mich aus dem Meer. Und ich höre auf ein Elefant zu sein und ich erinnere mich auch nicht mehr, was mich dazu machte. In deinen Armen, schenkst mir dein Lächeln, gibst mir dein Wort. Klar, alle Sorgen und Ängste, sie fliegen fort und der Zug hinter mir, er nimmt sie einfach mit sich mit. Ich bin jetzt nur noch froh, dass es dich gibt. Denn gegen jede Wahrscheinlichkeit verfalle ich dann doch wieder in diese hoffnungslose, erblindende Romantik. Aber was solls schon, ich entschuldige mich nicht mehr dafür, so zu sein, wie ich bin. Nimm mich und nimm es halt so hin! denk ich still bei mir, als ich mich wieder und wieder in deinen Augen verlier. Und verloren hab ich eigentlich nichts, ausser die Angst vorm Ertrinken. Die ist verflogen und hat den Elefanten mitgenommen.

050417