Wenn es brennt

Eine wohlbekannte Melodie, fast zu spät, in der Nacht. Sie ertönt von draussen rein und stellt sich sogleich auch drinnen ein. Sie bringt Mut und Wut und Liebe, ein bisschen Angst und Ungewissheit und so viel mehr – einen sich immer drehenden Kreis formend, kommt sie daher. Und plötzlich und auf einmal ganz gewiss, es überrennt sie fast, krümmt sie sich und rennt los, rennt raus, rennt runter. Vielleicht nur eine kurze Sekunde, hätte es gedauert. Vielleicht nur einen Atemzug. Aber für die Wahrheit ist noch keine Zeit, für die Wahrheit braucht sie noch ein Stück. Sie auszusprechen, sie würde gleich so tonnenschwer. Den Schritt zu wagen, na, sie weiss nicht mehr, was richtig und was echt. Klavier und Geigen, die einen tief und die anderen schrill zugleich, sie tanzen in ihrem Kopf umher, sie drehen sich und drehen sich und drehen sich nur noch um eins. Sie beginnt zu verstehen, sie beginnt zu erfahren, welche Wahrheit sie schon lange zu ahnen glaubt. Und Wahrheiten vermischen sich mit dem Feuer, was auf ihrem Herzen brennt. Sie sieht jene und welche, sie sieht in diese Augen, sie sieht in die ihren: manches Glück, manche Hoffnung – und doch, fragt sich gleichwohl wohin es führen soll, nach allem Lug und Betrug. Was sollte anders sein, worin läge hier der Sinn; wieder fühlt sie instinktiv – wohin soll sie flüchten, wohin sie noch nicht lief? Und die Geigen und Töne, schneller und so intensiv, wie Küsse auf ihren Lippen, als sie nicht mehr fickten; als er sie liebte und mit ihr schlief. Und noch der kleinste Weg hinaus, noch der logischste Gedanke hier, er wird verschluckt vom Feuer und es sagt in ihr: wenn es erst brennt, kann‘s niemand mehr ersticken, wenn sie sich weiter und weiter in wilde Träumereien, in die Unmöglichkeit der Dinge verstricken. Es ist nicht klar, was das wohl ist; es ist einfach und bleibt ungewiss – was wir haben, können wir schon sagen, was wir kriegen werden, weiss man nicht. Für ihren Teil, mit all dem flauen Gefühl im Magen, mit all dem Brand im Bauch, muss sie ihre Entscheidung treffen, sonst geht alles Träumen nur auf, in Schall und Rauch. Es sagte mal einer, dass Liebe ein Feuer sei, von dem wir nicht wissen, wie man es lösche. Und sie wusste nur, wie man noch mehr Benzin hinein schüttet, wie man es anfacht und lodern lässt und spürte nicht schlecht, wie es sich in sie hineinfrass und brannt und dann hohe Flammen schlägt – und dann erst wusste sie, es ist zu spät.

090817

Magisches Licht

 

Durchflutetes Zimmer, erhellt von all dem Glanz.

Licht scheint durch den Raum, scheint durch mich hindurch –

als atme ich es, als erfasst es mich; ganz.

 

Ein letzter Tag, so hell, erhaben, wie er scheint

und führt zusammen, was sich wie magisch vereint.

Zeit bleibt stehen, für den Moment, in dem

sich der Verstand im Herzen verrennt.

 

Wie aufgezogen, wie reflektiert, spiegelt sich

der Blick von dir in meinem Gesicht

und nimmt, was ohnehin schon dir gehört.

Und nimmt es fort, nimmt es mit –

 

lässt am Ende nur die Dunkelheit, allein, zurück.

191017

 

 

Fühlst du die Welt

Im Kleinen und Grossen und Grossen und Ganzen finde ich mich wieder in meiner Belanglosigkeit auf dieser Welt. Meine Existenz ist begrenzt, bestimmt von einer grausamen Konzeption von Zeit, die alles zu Nichte zu machen weiss und vor nichts zurück schreckt. Zeit, was ist das schon? frage ich mich und laufe voran, grad aus und immer weiter. Wir haben sie erfunden, um uns zu fügen und zu lenken.

Doch, dann und wann, wenn ich nicht mehr daran glaubte, dass es nur eine Erfindung gewesen ist, kommen diese Momente, in denen Sekunden wie Tage scheinen und Stunden verfliegen wie Sekunden es doch sonst nur tun. Ein Augenaufschlag und ich war plötzlich in einem anderen Leben, hunderte Leben später, als das erste, das ich einst lebte. Ein Kuss, Millisekunden in denen nur winzige Berührungspunkte unserer Körper auf einander trafen und doch durchfuhr es mich, es packte mich und schrieb sich in mich ein, in meine Seele und mein Herz und liess alle Zeit stehen bleiben, als gäbe es das Davor und das Danach gar nicht mehr.

Die Blicke tauschten aus, was keine Worte zu sagen vermochten und jede Berührung, jedes Streichen der Finger, die Wärme auf meiner Haut, das Kitzeln der Zehen, eng umschlungen, fast verbunden, sagte so viel mehr – und trotzdem, nie genug. Ich spürte alte Narben auf meinem Herz, sie sind aus anderen Leben, aus vergangenen Zeiten, und sie wollten mich erinnern; an irgendetwas, das ich längst vergessen hatte.

Doch unbeirrt folgte ich meiner Intuition, hörte auf meinen Bauch und liess alles zu, um zu fühlen. Du musst wissen, wie sich die Welt anfühlt, um fühlen zu können. Du musst berühren, um dich berühren zu lassen.

Ganz tief in mir wusste ich das. Ganz tief in mir habe ich gehofft, dass es dir genauso erginge. Ganz tief in mir habe ich dieses vergängliche Konzept unserer Existenz verraten und habe es einfach an die Wand gestellt, zu den anderen Dingen, die mich nicht erfüllen können. Zeit, was tue ich ohne dich?

200817

ehrlich

Um zu sein, versuche ich die ehrlichste Version von mir selbst mit mir selbst zu sein. Wenn ich das nicht kann, zerspringe ich fast und löse mich gleichzeitig auf, werde von meiner inneren Leere übermannt und spüre, dass ich in meinen Augen nichts mehr lesen kann.

Wenn es wieder soweit ist und mich diese Ohnmacht einholt, dieses ständige Verlangen, jemand anders sein zu wollen und sein zu müssen, damit ich überhaupt irgendjemand bin, dann verlaufe ich mich in meinen Gedanken und bin fast bestürzt über den tiefen Abgrund, den sie erschaffen.

Nicht mal die Dunkelheit, nicht diese unfassbare Schönheit der Nacht kann mich dann retten. Ich verstricke mich und ich falle, tiefer und tiefer, in die Leere des Seins, des Nichtseins, des Ichseins. Und dann sehe ich hinauf und sehe dich, wie du versuchst wieder vollständig zu werden und ich versuche mir dich zum Beispiel zu nehmen. Und spüre, wie du mich heilst.

Es ist wahr, was einmal gesprochen wurde, denn du erhellst meinen Weg, du erhellst mein Gemüt, auch wenn du mich oft nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich blicke dich an und sehe doch nicht, was alles dahinter steckt und du offenbarst mir dein Geheimnis nicht vollständig. Nicht ganz. Und ich suche weiter zu lesen, was da verborgen bleibt und taste mich, Stück um Stück, voran.

Und auf der Suche nach deinen Ungereimtheiten, nach deinen Sehnsüchten und Träumen, nach all dem, was dort auf der dunklen Seite liegt, die ich nie sehen kann; irgendwo darin finde ich mich selbst und finde ein immer neues Stück, dass mich zu einem Ganzen formt. Und ich bin dir dankbar, auch wenn du es nicht sehen kannst, nicht verstehen kannst.

Denn du bist dort oben und ich stehe hier, des Nachts an meinem Fenster, blicke hinauf, du schaust hinab und wir sehen uns. Und es braucht kein Wort, es braucht nur diesen Hauch einander zu wissen, einander zu vertrauen. Du hängst dort an diesem samtenen Schwarz und Blau, schimmerst und scheinst und strahlst.

Wenn es dann soweit ist, werden wir es wissen. Wir werden es wohl beide ganz genau verstehen, endlich dann, auch ohne jede kleine Fügung zu begreifen, werden wir vollständig sein und genau darin liegt eigentlich der Sinn. Wie es einst geschrieben stand, Liebe macht’s, dass die Welt sich dreht – und du lässt es zu und hüllst die Nacht in deinen sanften Schein; mein lieber Mond, das könnt für mich fast Liebe schon sein.

030917

Kein grosser Verlust

Ich sitze und das Leben zieht vorüber. Wenn ich hinaus blicke, sehe ich die Oberleitungen der Züge und höre das Vorbeirauschen abertausender Menschen, jeden Tag.

Der Kater scheint unbeeindruckt. Es rattert und knallt. Er frisst und schläft, gewohnt, tagein – tagaus. Kein Groll gegen all das Leben, das beginnt. All das Leben, das hinter den Schienen weitergeht.

Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe keinen Hass, davon gibt es ja schon genug auf der Welt. Es ist alles abgelegt, es ist verziehen, vergessen und vergeben. Es war kein grosser Verlust.

Der Mond zieht langsam auf, nicht mehr in seiner Gänze. Doch fühle ich mich fast erleuchtet, fast geblendet. Sein Schein lässt selbst von den kleinsten Kieseln grosse Schatten werfen – fast so, wie im echten Leben.

Ich habe meinen Frieden, gefunden in deinen Augen. In deinen Armen. Wenn du mich halten kannst. Gegangen bin ich, abermillionen Wege, bis zu diesem Punkt. Umkehren war nie eine Option.

Der leuchtende Schriftzug dahinten, das milchige Weiss auf rostrotem Grund der Industrien, hier wo mein Leben voran zieht. Tiefes Ausatmen und ein schneller Blick nach oben, Wolken und Lichterschein der hell erleuchteten Stadt.

Ich finde mich zurecht in mir. Und ich bin mir selbst genug. Das ist alles, was ich sein wollte und alles was ich sein muss. Und vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist – an der Wegegabelung, die vor mir verläuft und mahnend fragt: wie weit kannst du noch?

Der erhabene Moment von Freiheit. Entschieden.
Gelebt. Geliebt. Geweint. Gewonnen – Freiheit im Herzen, Freiheit im Sinn. Darum, genau darum, muss ich nicht entschuldigen, wer ich eigentlich bin.

110817

Falsch abgebogen

Irgendwo falsch abgebogen. Auf einen Weg geraten, der nicht mehr gerade zu biegen ist. Weitergelaufen, über Strassen und Wege, Wiesen und Deiche, über die Verzweiflung hin zur völligen Selbstzerstörung. Unten angekommen. Wieder aufgestanden, weitergemacht. Nie das Lächeln im Herzen verloren, das aufrechterhält. Nie gefragt, ob der Weg der Richtige ist. Er muss es sein. Irgendwo auf Schiffen gewesen, ein kleines bisschen Welt gesehen. Aus der Luft und im Wasser stehend. Nichts als blauen Himmel gesehen. Und manchmal tiefdunkelblau wie ein seidenes Tuch mit feinen, kleinen Perlen bestickt, in die klare Nacht mit all den Milliarden von Sternen. Manchmal nichts als Dunkelheit – gesehen und gefühlt. Sooft war da nur das Licht des Mondes, der dort oben hing. Und auch er leuchtete den Weg aus; er führte nach Haus. Für Irrungen und Wirrungen, die kamen und gingen. Häufig war da doch ein kleiner Schein am Firmament, der Hoffnungsschimmer auf einen wieder neuen Tag. Und wenn der anbrach, gab es kein zurück. Keine Wiederkehr, kein Nochmalerleben. Mit der Sonne stirbt die letzte Nacht, und alles Neue kommt unweigerlich den Weg entlang. Gehend, stehend – vielleicht sogar flehend schreibt sich der neue Tag in den Körper, in die Seele. Jedes Wort, das erklingt. Jeder Augenaufschlagsmoment, jeder Blick. Nicht zurück. Immer vorwärts, immer voran. Laufend, laufend, laufend, immer Schritt um Schritt. Manche Angst gefühlt. Manche Liebe geträumt. Manche Menschen verhasst, manche Menschen zum Schönsten poliert. Immer den armen Tropf gesucht, immer wieder aufgebaut – neu, von vorn, ganz gleich wie schwer es wog. Am Ende selbst  als ein trauriges Häufchen Elend zurückgeblieben. Schmerz gefühlt. Das einzig wahre Gefühl, auf das alles zurückführt. Verlust und Angst, Sehnsucht und Liebe, Vertrauen und Verlassen – sie führen alle zu ihm. Und er führt den Weg entlang über einige Hürden, einige Winkel und Ecken. Immer mitgegangen, es bleibt keine Zeit zum Verstecken. Ein Nein liegt einfach nicht drin. Oft gehört, oft gefleht; am Boden liegen geblieben. Getreten. Geschrien. Es nützt doch nichts, wieder vergeht die nächste Runde. Das nächste Leben. Das nächste Jahrhundert. Gefühlte Ewigkeit mit jedem Augenaufschlag. Jeder Atemzug so tief und innig. Grauenhaft und grossartig, die kühle Nachtluft eingesogen. Auf abertausende Galaxien geblickt.

Sich in das Universum verliebt.

In die Unendlichkeit.

In die Unmöglichkeit.

Immer und immer.

100717

zerrissen

getrieben von allen Müssen und Sollen

gezogen durch all die Pfade, die ich nicht gehen wollte

und du schleppst mich mit, immer weiter voran

 

gefühlt, wie eine Katze an der Leine

gedacht an das Ausreissen und niemals zurück blicken

bis zum Tag

als ich es tat

 

und ging.

 

 

zerrissen bliebst du zurück

zerfurcht bleibt dein Gesicht, dass ich nicht mehr sehen will

und du hüllst dich in deine dich rettenden Gespinste

 

zerfressen war meine Seele, begraben tief drin

zerschlagen habe ich alle fesselnden Ängste und Sorgen

an dem Tag

als ich es tat

 

und ging.

 

160517