Es passiert

Es gibt keine Logik. Das wird dir dann klar, wenn die Scheissrealität wieder beginnt zu schwimmen.

Aus jedem Plan wird ein geknüllter Papierball und du wirfst einfach alles über den Haufen, weil du gar nicht anders willst und gar nicht anders kannst.

Die Misere deiner Zeit ist, dass nur die anderen Krisen haben und es dir gut geht. Euch allen.

Du akzeptierst, dass du ein moralisch verwerflich handelnder Mensch bist. Und zum ersten Mal scheint dir Kästner so nah und auch so fern zugleich, denn du tust es ja – das Gute, was für dich wenigstens gut ist.

Der Rest passiert sowieso. Oder auch nicht.

Du bist anders und schwimmst mit dem Strom, in dem alle anders sind und keiner gleich. Und doch will jeder dasselbe und jeder zieht ganz eigennützig seine Schlüsse zum Besten des eigenen Gefühls.

Ihr habt keine Probleme, also erschafft ihr welche. Server down. Abgebrochener Fingernagel. Kein CSI:Miami, weil die Arbeit länger dauert und der Recorder nicht eingestellt war. Die Tragik der Moderne überwindet jede Logik.

Und die Beziehungen, die du führst, werden immer unlogischer. Glück ist eine Farce, weil sich das alles nur in deinem Kopf abspielt. Betrachtest du die zweite Seite der Medaille, geht es dir nicht beschissen. Du hast ein Bett und genug zu fressen, was beschwerst du dich.

Der Rest passiert sowieso. Oder auch nicht.

Und dann sitzt du da, jeden Tag. Jeden Abend. Und fragst dich nicht einmal mehr, wohin es dich geführt hat. Keine Moral und keine Logik. Nur schemenhafte Schatten, von denen, die wir glauben zu sein.

Dann nimmst du deine kleine Maschine und tippst ein paar Worte, machst daraus Zeilen, lässt sie ein paar Minuten zappeln und verweilen. Dann drückst du „Senden“ und schickst sie ab.

Wer sie liest, wird niemals jemand erfahren. Auch der Inhalt bleibt der Welt verborgen.

Ich verrate es. Na angeschaut habe ich dich. Wusste nicht wie reagieren im ersten Moment. Ich mag deine Küsse.

Phrasen und Worte, tickerticker und ein Aufleuchten. Von kleinen Ioden und von Augen. Augenblicken. Gedankenfetzen und Erinnerungsstückchen. An einen längst vergessenen Traum.

Ein Elefant im Meer

Gross und unbehaglich erfüllen mich Gedanken. Keine Ahnung woher die wieder kommen. Und ich weiss auch nicht, wohin die eigentlich wollen. Aber sie sitzen hier, wie ein Affe auf der Schulter; schauen nach links und rechts, werfen mit Fragen um sich. Dann seh ich all die andern, die Menschen, wie sie regungslos vor sich hin starren. Und pralle Beine quellen aus zerrissenen Stretch-Jeans. Es dudelt leise Musik aus zu laut aufgedrehten Kopfhörern. Eine Oma blättert ohne jeglichen Rhythmus in einer Zeitung. Wir rollen einheitlich gelähmt in Richtung Stadt. Ich sehe keine Gesichter, ich sehe nur Augen. Paarweise sehen sie ins Nichts, aus den verdreckten Fenstern, auf den versifften Boden, beschmiert mit unerklärlichen Flüssigkeiten und Kaffee und Cola. Ein paar Sonnenstrahlen fallen engelsgleich durch die wenig durchlässigen Scheiben hinein, bestrahlen Schösse und Schritte, einer zieht gleich das Rollo runter. Zu viel Licht zeigt halt auch den ganzen Dreck ganz offenbar. Ganz klar. Und wunderbar erheitert ziehen sich meine Mundwinkel leicht nach oben. Nichts ist passiert, gar nichts geschehen. Doch ich weiss schon, gleich werde ich mich erheben von diesem miefenden Platz mit den tausend Menschen. Ich werd aufstehen, werd rausgehen. Und dann stehst da du. Mein Herz flattert nahezu. Was soll der Scheiss? Ich finde mich in einem Zug wieder, der stinkt wie ein Zoo. Menschen rattern wie im Tiertransport von A nach B und keiner sagt ein Wort. Eine so klangvoll laute Stille, dass dir die Ohren platzen. Getuschel und manchmal ein Schrei, wie im Irrenhaus, manchmal Kinderlachen, manchmal einfach nur Sein. Mancher Vater beschwert sich bei seinem Sohn über die dreckigen Schuhe, die er trägt. Eine Nonne steht von Angesicht zu Angesicht mit einem, dessen Haare hochgestellt und kunterbunt sind, dessen Gesicht so viel Metall trägt, und doch lerne ich hier die wahre Menschlichkeit. Zwei Gesichter. Zwei lächeln. Der Familienvater wirkt verstört darauf. Mir ist es scheissegal. Ich hoffe, das Kind hört auf zu schreien, es übertrifft jeden ertragbaren Ton um Längen. Meine Nerven sind zum Bärsten gespannt, meine Hoffnung erblüht, wie die Narzissen im Frühling. Ein Sonnenstrahl verschluckt meine Ungeduld und wandelt sie in Schamesröte. Die Vorstellung, gleich in deinen Armen zu versinken, treibt es heiss in mir hoch. Was denke ich nur? Das Leben ist echt eine Farce, kein Weg führt an irgendetwas vorbei. Wir leben genau das, was für uns gemacht ist. Alles fügt sich. Alles rügt mich. Karma ist ein Arschloch, aber das spüren vor allem die anderen. Ich bin dankbar. Ich bin klar. Und ich sehe plötzlich, beim Anblick der nahstehenden und vorbeirasend verschwimmenden Bäume: ich bin unverzeihlich. Ich merke unvergesslich. Wie ein Elefant im Meer. Ich komme nicht weiter, ich hänge fest und bin riesengross. Es übermannt mich fast, doch schwimmen kann ich nicht für immer. Und ich sinke und ertrinke. Fast hoffnungslos und ohne Chance, ich treibe so dahin. Und Mitten in diesem Nichts, wir halten an. Ich setze einen Fuss vor den anderen und plötzlich, ich stehe am Bahnsteig und blicke um mich. Links und rechts, der Affe ist verschwunden. Die Anzeige klickt, Menschen rasen an mir vorbei. Ich nehme den Moment und schaue in mich hinein, blicke nach unten, auf mein Köfferchen, meine Schuh. Ich halte mich nochmal ganz stark fest, drücke die Augen zu und hoffe. Ich öffne die Augen wieder, langsam, vorsichtig – blicke um mich und schon stehst da du. Dein Lächeln rettet mich. Deine Arme ziehen mich aus dem Meer. Und ich höre auf ein Elefant zu sein und ich erinnere mich auch nicht mehr, was mich dazu machte. In deinen Armen, schenkst mir dein Lächeln, gibst mir dein Wort. Klar, alle Sorgen und Ängste, sie fliegen fort und der Zug hinter mir, er nimmt sie einfach mit sich mit. Ich bin jetzt nur noch froh, dass es dich gibt. Denn gegen jede Wahrscheinlichkeit verfalle ich dann doch wieder in diese hoffnungslose, erblindende Romantik. Aber was solls schon, ich entschuldige mich nicht mehr dafür, so zu sein, wie ich bin. Nimm mich und nimm es halt so hin! denk ich still bei mir, als ich mich wieder und wieder in deinen Augen verlier. Und verloren hab ich eigentlich nichts, ausser die Angst vorm Ertrinken. Die ist verflogen und hat den Elefanten mitgenommen.

050417

Selbstzerstörung

Alles passiert, obwohl sie es so viel besser weiss. Alles passiert, und die ganze Scheisse dreht sich doch nur wieder um das Gleiche. Keine Ahnung, woher sie das nimmt, keine Ahnung, wohin sie das zu führen glaubt. Aber der Weg endet wieder im Chaos und verläuft sich im Sand. Sie glaubt an ein verdammtes Glück, dass es für sie ja doch nicht gibt. Nur in diesem einen echten Moment. Doch den zu erleben, stellt sie sich ins  Feuer und lässt sich beschiessen, mit all diesen Dramen und Tragödien in ihrem Kopf; sieht nichts ausser Nacht und wartet darauf, dass er sie herausholt. Unvernunft gesellt sich zu all ihren Träumen, von Logik keine Spur und ohne es abzusprechen: sie lebt plötzlich in diese Blase, in ihrem Traum; sie fällt vom Rand der Welt für das grosse Nichts, das ihr Niemand versprochen hat. Sie merkt mehr und mehr, sie zieht es wieder an, sie macht sich charmant und unwiderstehlich; sie lockt mit Botenstoffen und ihrem ganzen Körper und niemand sieht ihre Seele, sieht ihr Herz. Sie denkt sich, so eine Scheisse wieder, woher soll ich wissen was echt ist und was nicht? Und verlangen kann sie nichts und vertrauen kann sie nicht mal sich selbst, reitet sie sich immer wieder genau bis hierhin und kommt dann nicht weiter mit ihrem gefühlsüberladenen Herz. Alle Worte fliegen durch ihr Hirn, in Dunkelheit ergibt sich nur die Tragik der Situation wieder. Er schreibt und schreibt nicht; er lag die Nacht sicher in einem anderen Bett und sie kann es ihm nicht mal verübeln, haben sie doch gar keine Abmachungen getroffen. Und doch traktiert es sie unaufhörlich mit einer neckischen Ironie im Hinterkopf: du lässt wieder alles steh’n und liegen, weisst deine Typen ab und verzichtest auf jede Berührung und jeden Sex, weil du dir wirklich einbildest, dass das irgendwo hinführen kann – mit den vielen Kilometern zwischen ihnen, mit den vielen Steinen, die dort schon in den Weg gestapelt wurden. Und all diese blöden Hoffnungen und Traumbilder hält sie aufrecht und hält sie hoch, weit über sich und weit über den doch so wichtigen Dingen, die sie sich vorgenommen hat. Verblödet von ihrem Gefühl macht sie die Nacht zum Tag und hängt da, mit ihm, in Schriftform und ohne jegliche Ahnung von seiner Echtheit. Sie vertraut ihrem komischen Bauchgefühl, sie glaubt zu wissen, was es ist; sie glaubt zu fühlen, egal der Kilometer, egal der reellen Begegnung: sie glaubt und das reicht ihr schon aus für grosse Tränen, für grosse Worte; für irgendeine beknackte Gewissheit über diesen ihr unbekannten Geliebten. Und es bringt nichts, sich dagegen zu sträuben, sie ist dem ganzen Zeug einfach erlegen, wie ein zerbrechliches Reh. Sie erliegt ihren eigenen Phantasien über einen Menschen, den sie nie traf. Sie erliegt dem Gefühl, dass sie sich mit diesem Mann wünscht. Und läuft wieder wie in eine Kettensäge, die sie  auseinanderreisst, wenn sie die Realität endlich sieht und alle Hoffnungen über den Haufen schmeissen muss; weil das Idealbild irreführt und weil es doch nie in echt in Erscheinung treten kann. Wie ein Wahn rennt sie diesem Bild hinterher und hüllt sich in Tränen, wenn es sich nicht erfüllt. Scheiss Gefühle, denkt sie sich. Scheiss Schmetterlinge und scheiss Frühling. Aber so beschissen findet sie es gar nicht, und will ihn trotzdem treffen und dreht jede Unwahrscheinlichkeit in Normalität. Selbstzerstörerisch, wie sie eben ist, nimmt sie diese grossen Gedanken auf sich und begibt sich endlich in den Zug, der zu ihm führt. Ihr Herz springt fast aus dem Fenster, als sie in den erhabenen Bahnhof einfährt, in dem erwartete Gefühle wartend stehen und sie aus dem Zug gehen sehen, ihr eine Hand reichen und sie sofort in die Arme schliessen und ihr diesen einen, echten Moment schenken, der schon längst ausreicht um ihre unsinnigen Gefühle zu erwidern. Und sie hatte gehofft, dass es nicht so wird; dass es einfach ganz anders ist, das es keine grossen Gefühle bestätigt und gar nicht funkelnd und glitzernd ein Traumschloss aufgebaut werden kann. Einfach, damit es einfach erledigt ist; damit keine weiteren Hoffnungen gebaut und zerstört werden können. Sie ist schon so kaputt und sie ist schon so durch mit allem und trotzdem glaubt sie immer noch an dieses Konzept von der Liebe und dem Glück, ich meine, im Ernst jetzt – wie kann sie das eigentlich, nach all der anderen Scheisse? Und doch, sie hängt nun da und fühlt es und weiss es schon, dass der Abschied in den nächsten Tagen schlimmer wird, als die ganze doofe Warterei zu diesem Augenblick es war. Und sie ärgert sich. Warum hört sie nicht einmal auf die Vernunft, nicht zu fahren, nicht zu lieben, nicht alles wissen zu müssen, sondern einfach aufzuhören, wenn der Moment einmal schön ist? Nein. Und, überlegt sie sich, für ihn ist das alles nur ein furchtbar heisses Abenteuer, eine klassische Affaire, weil die Umstände beschissen sind und es auch nicht besonders viel Sinn macht, mit den hunderten von Kilometern und den ganzen anderen Felsen, die mittlerweile im Weg liegen. Die Unwahrscheinlichkeit winkt ihm zu und tapeziert sein Herz; sie lässt für ihn eine Ruhe einkehren, die sich nur auf ihren Körper konzentrieren kann; ohne das mulmige Gefühl im Bauch, was sie so sehr quält. Die Liebe ist wie ein Furz, man hofft immer, dass es endlich kommt und wenn es da ist, soll es schneller verfliegen; weil es am Ende eigentlich nicht so schön ist, wie man es sich vorgestellt hat. Er weiss das und geniesst den Moment, jeden Moment, nicht nur mit ihr. Und sie, trotz der Warnungen, trotz der Zeichen, trotz ihrer eigenen Worte, die monatelang sagten „Sei dir nur selbst wichtig“ – all dem zum Trotze, sie schmeisst sich voll rein und lässt sich nicht davon abbringen, zu leiden für dieses unnötige Gefühl.

Und da steht sie nun, fast eine Träne im Auge, obwohl es grad mal die Begrüssung ist.

020417 

Blickwechsel

Unscheinbar und wüst, mit zerzaustem Haar, getragen vom Wind, durchstreift sie die Strassen. Gestresst und gehetzt, von all dem Grau und all den wirren Massen, versucht sie nur Klarheit zu finden und sucht nach Antworten und einem Sinn. Doch viel Zeit zum Grübeln bleibt ihr ja gar nicht, denn sie muss weiter, hetzen und fetzen, rennen und laufen, und laufen und laufen, um noch die nächste Bahn zu erwischen und nicht wieder zu spät zu sein. Doch irgendwann ist immer zu Spät und der richtige Zeitpunkt scheint längst verpasst. Das Getümmel der Menschen in der Strassenbahn, sie fährt, sie hält wieder an, sie fährt und dann – sie blickt aus dem Fenster, wie immer, stumm vor sich hin, hört ein paar Töne, Klänge in ihrem Ohr und fahndet nach einem tieferen Sinn. Die Scheibe ist dreckig, der Schmutz in Tropfenform fest angetrocknet, ein paar alte Fliegen liegen am Fensterscheibenrand; doch all der Tristesse zum Trotz, stehlen sich die Sonnenstrahlen durch das Glas und wärmen ihr Gesicht. Das Surren der Türen, das Piepen fürs Halt, das Murren all der Menschen und das Kindergeschrei. Sie hat das nicht gern, sie verkriecht sich lieber in sich und entgeht diesem Lärm des alltäglichen Menschenangesichts. Der nächste Halt ertönt, Paradeplatz, und sie steigt aus, läuft durch das Viertel und findet nicht wieder heraus aus dem Alltag und all diesem Trott, lässt sich treiben zwischen hunderten Armen und Füssen, die auch alle dringend irgendwo hin müssen. Mühsam und träge so zieht sich je her der Verkehr in dieser Stadt, auf Strasse und Gehsteig gleichermassen; macht keinen Unterschied, ob Räder drunter passen. Sie läuft und schaut manchmal auf und sieht hie und da in ein Gesicht, sie weiss es ist nicht deins, denn sie fühlt das nicht. Sie sucht in all den Augen, in allen Ecken; sie hofft, du würdest dich doch einfach und simpel nur ausversehen dort verstecken. Ihre Wege gehen, sie führen an all denen vorbei, an Grossen und Kleinen, Dicken und Dünnen, an unsagbar Schönen und an denen, die niemals gewinnen. Ein kleines bisschen Glück, das hat sie sich gewünscht. Sie hetzt zum Termin, setzt sich dort hin und wird wartend gelassen, in einem kleinen Vorzimmer irgendeines Büros in einer kleinen Gasse. Gespräche und Worte, Fetzen erreichen sie nur. Der Termin zieht vorüber, wieder hängt sie sich ein in die immerwährende Schnur von Menschen, die weiter ziehen und gehen und laufen. Und dann beschliesst sie, ganz spontan: jetzt fange ich es richtig an! Sie geht zur nächsten Strassenbahn und die führt direkt zum Hauptbahnhof, sie folgt dem Sog der Pendelnden und der Leute, doch heute geht sie nicht nach Haus, sondern löst ein Ticket und malt es sich schon aus; wie sie im Zug sitzt in die weiter Ferne, um dich zu begrüssen – ja das will sie, nur ach so gerne. Und wenn es nur ein paar Worte sind, doch von dir möchte sie den Lärm, sie möchte von deiner Hand berührt werden und weiss, du wirst sie wärmen. Und sie setzt sich in den Zug, mit einer Genugtuung keiner gleichen, denn in nur sieben Stunden wird sie endlich deinen Blick erreichen, den sie so sehr auf ihr spüren will; dein Blick, dein Lächeln, und schon wird sie behutsam, wird still, entflieht der Hektik und den ganzen Ärgernissen, um zu spüren, wie es sich anfühlt, dich zu küssen.

270317

Scheinbar

Es macht keinen Unterschied. Die silberne Münze bleibt immer dieselbe, auch wenn das Licht anders darauf zu fallen droht. Immer strahlt sie das zurück, was auf sie scheint und trennt dann das, was sie einst vereint.

Es ist immer das Gleiche, nur mit einem anderen Schein. Ein anderer Lichtkegel auf einer anderen Oberfläche, von oben oder von unten. Was spielt es für eine Rolle?

Es macht keinen Unterschied. Das Böse und Gute, man hält es sich zu Gute und am Ende eines jeden Lichtes folgt der grobe Schatten eines Bösewichtes.

Oder klar gesagt, es könnt schon sein, dass mein Fehler der ist und das wird er immer sein. Er gehört immer mir und er ist unendlich schwer, er zieht mich herunter und frage mich, was will er mehr? Noch mehr der Untergegebenheit? Noch mehr mein Leben? Noch mehr Leid? Der Fehler, er liegt wohl immer bei mir, egal wie ich es drehe und wie ich es wende – die Tugend nimmst du gern in deine Hände, lässt sie durch nichts beflecken, kannst ja das Mühselige, das Schlechte, ja jeden Fehler in meine Schuhe stecken.

Und mit der Angst nimmst du die Macht, sprichst vom Ende, von ewiger Nacht, durch all die Fehler und Verhalten, die über meine schlimme Seele walten. Da fällt das Sprechen durchaus schwer, mit der Drohung dann, du wärest bald nicht mehr.

Es ist immer das Gleiche, und es ist immer nur Schein. Verwoben in ein Labyrinth aus Mauern und Stacheln und tief verborgen vielleicht auch das echte Sein.

020216

Frühlings Tief

Nur weil da die ersten warmen Strahlen sind, heisst es nicht, dass die Blumen überleben können. Und nur, weil du Schmetterlinge zu spüren und Vögel singen hören glaubst, heisst es nicht, dass das echt ist. Denn, was ist echt? Und was bist du? Verrennst dich im irren Tief eines Frühlings, der noch gar nicht begonnen hat. Des Frühlings Tief, erst harmlos und sonnig, dann seine Stimme, die dich rief, viele Worte, keine Orte, nur Schrift und viele kleine Buchstaben, du lässt sie fliessen mit Papier und Stift. Und wieder, wieder, wieder – siehst diesen Unbekannten beim Schliessen deiner Lider. Und das Gefühl, dass dich dabei umgibt; umschreibt und meint, als dass du fliegst – wohin soll es führen? Niemals gesehen, niemals der direkte Blick, niemals spüren.

Du stehst dann da, im Sonnenschein, lässt wieder all die Wärme, Frohheit, Liebe rein. Nach diesen Tagen, fängst du an, dich zu fragen, dann und wann; was ist denn nur dein Problem, warum kannst du es nicht einfach locker sehen? Das Leben kommt, es spielt und geht; wie der warme Frühlingswind Flausen in den Herzchen weht. Getraut und getrudel, viel gemeinsam habt ihr, ja, doch du ziehst dich selber in einen Strudel aus real Erdachtem und einem Gefühl aus Vertrautheit, ohne, dass es Wirklich war. Du siehst seine Augen, du siehst sein aufrichtiges Lächeln, vielleicht gilt es auch wirklich dir. Du hörst seine Worte, wie sie sich wünschen, du wärest jetzt hier. Und du wünschst dir einen Regen, der alles rein wäscht und alles glättet; einen Regen, der die Unmöglichkeit wegschwemmt und das schöne Gefühl errettet. Aber du bist nicht sein Regen, nicht, was er sich gewünscht hat. Du machst es kompliziert, wie du es liebst. Du machst dich kaputt, an Gedanken, die nicht nötig wären, aber die sind, in deinem Kopf und in deinem Gefühl, die Schwermut deines Frühlings Tief. Wenn sich dein Herz dreht, dein Bauch dir sagt „Machs“ und du zurückzuckst, wenn er dich darauf hinweist, dass es nichts bringt – kein Weg, der irgendwohin führen kann; für etwas, dass man nicht kennt und doch spüren kann.

Du warst erst überzeugt, dass du gewappnet bist, gegen jeden noch so kleinen Funkenschlag, jeden Schmetterling, der dich überkommen mag. „Nein, Gefühle lasse ich nicht zu, ich lasse keine Verliebtheit herein“ und du schriebst und lachtest plötzlich mit ihm, plötzlich wegen ihm; diesem vertrauten Fremden. Du sehntest dich nach seinem Atem, seiner Wärme und seinen Händen, in den deinen und vor allem die unerklärliche Sehnsucht nach den seinen Augen. Klar, du kannst es absolut nicht glauben und das Blatt dreht sich so schnell – war er erst begeistert und fasziniert, liess es doch sogleich wieder nach und ach und du liegst da, beeindruckt und wach von einer müden Erkenntnis. Ein Frühlings Tief, dass leider mit deinen Gefühlen himmelhochjauchzend wieder nur im Sand verlief. Weil du Halsüberkopf und Ohnewennundaber diesem Fühlen nachgibst und glaubst, dass es auch zurückkommt. Doch vergisst du, auch das kann einfach nur ein Schein sein, eine Illusion und du gibst dich hin –

140317

Der Frühling in mir

Es ist noch kalt und nass. Der Schnee bedeckt noch immer das altgrüne Gras vom letzten Jahr und sie fragt sich, ob das schon immer so war. Sie fragt sich, wohin es gehen wird, und ob er wieder kommt. Sie fragt sich jeden Tag und mit dem Gedanken dahin, spürt sie auch die Schmetterlinge wieder kribbeln. Nur drei kleine Worte lag das Kribbeln entfernt. Nicht, was man jetzt denken mag, nein – es geht hier um kein offenes Liebesgeständnis. Es geht darum, ihr zu zeigen, dass sie noch immer tief im Herzen zu ihm gehört und dass er es spürt. Diese Worte, drei im Ganzen, vier Silben, vierzehn Buchstaben an der Zahl; und sie fühlt sich zurück zu dem Punkt, an dem alles gut ist; zurück an dem Punkt, an dem die Welt für eine Millisekunde stehen bleibt, ihr Atem anhält, das Leben stoppt. Und in dieser unbelebten und kurzen Zeit erinnert sie sich, an das Gefühl, an die Berührung, an seinen Atem und seinen Herzschlag, als er sie das letzte Mal so nannte. Mit einem Kuss auf die Stirn, von seinen Armen fest umgeschlungen und der Gewissheit von tausend neuen Morgen in den Augen, konnte nichts und niemand ihr jemals diesen Moment nehmen. Der Duft seines Parfums und seiner Selbst steigt unweigerlich in ihre Nase, sie erinnert sich und wird wie beflügelt; egal ob es schon so weit ist – in ihr herrscht plötzlich Frühling; alle Blumen spriessen; die Schmetterlinge – ja, sie kribbeln wieder. Sie spürt den Hauch der frischen Luft, zurück an Ort und Stelle, den Blick auf die unendlich beheimatende Stadt ihres Herzens, er hinter ihr, aus dem Fenster lehnend, an der Zigarette ziehend. Die Nacht verschleiert die Schatten, macht sie lang und die Formen grell. Der Turm jetzt rechts, er wirkt bedrohlich und stoisch, wie ein Wahrzeichen steht er da, das Tor bewachend – wie er für sie. Sie fühlt sich umgeben von seiner Wärme und merkt doch die nächtliche Kälte, das Flüstern in ihren Nacken verschafft ihr eine Gänsehaut, die durch den ganzen Körper fährt. Es ist wieder soweit. Er ist wieder da. Und er hat den Frühling zurückgebracht. In dieser einen und jeder anderen längst geträumten Winternacht. – „Dir auch, Kleines.“

130217