Elende Wehmut

Sie betrachtet ihr Spiegelbild, sie betrachtet sich. Jeden Millimeter ihres Gesichts tastet sie ab, mit ihren Augen, mit dem, was sie von sich wusste. Sie vergleicht, sie schiebt alles – vor, zurück – und genau genommen, ist sie nicht glücklich, nicht froh über ihre Entscheidung. Es bringt ihr nicht das erhoffte Glück. Glück, wo bist du gewesen? fragt sie sich und denkt daran, an diesen einen letzten Anfang, an den sie sich noch erinnern kann.

Sie sieht die Schürfungen, sie sieht die kleinen Fältchen, vielleicht vom Lachen, vielleicht vom Sorgen, ganz genau aber sieht sie diese Hoffnungslosigkeit in den eigenen Augen, dieses unstillbare Verlangen nach einem neuen Morgen, der nie beginnt; den sie längst aufgab und fliegen liess, im trüben, kalten Herbstwind.

Sie glaubte nicht, dass sie daran so schnell altern kann. Viele Lasten hatte sie getragen, durch das Chaos gestiegen, war sie doch ein ums andre Mal – und jetzt, nach dieser so kurzen Phase, so kurzen Liebe nur, wird dieser eine kleine Gedanke zu ihrer grössten Qual. Wieso musste ich dich gehen lassen? fragt sie sich und denkt daran, an dieses letzte Ende – doch weiss sie ja, gebunden waren ihr die Hände, Möglichkeiten gab es keine und dann stand sie dort: vor der schmerzlichsten Entscheidung, nur sie ganz alleine.

Sie sieht sich an und erkennt sich nicht. Jemand anderes sein zu wollen und jemand anderes zu werden, merkt sie, sind zwei paar Schuh; denn auf einmal, denkt sie gleich bei sich, ist man nicht mehr ich und man ist nicht mehr du. Verloren ist man dann, und plötzlich stürzt es auf sie hinab, es fällt direkt auf sie zu, als wäre es immer so klar gewesen – ihr grösster Wunsch, ihr Lebenstraum, sie gab es auf und über ihr ganzes Gesicht ist nur noch diese elende Wehmut zu lesen.

081017

Kein grosser Verlust

Ich sitze und das Leben zieht vorüber. Wenn ich hinaus blicke, sehe ich die Oberleitungen der Züge und höre das Vorbeirauschen abertausender Menschen, jeden Tag.

Der Kater scheint unbeeindruckt. Es rattert und knallt. Er frisst und schläft, gewohnt, tagein – tagaus. Kein Groll gegen all das Leben, das beginnt. All das Leben, das hinter den Schienen weitergeht.

Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe keinen Hass, davon gibt es ja schon genug auf der Welt. Es ist alles abgelegt, es ist verziehen, vergessen und vergeben. Es war kein grosser Verlust.

Der Mond zieht langsam auf, nicht mehr in seiner Gänze. Doch fühle ich mich fast erleuchtet, fast geblendet. Sein Schein lässt selbst von den kleinsten Kieseln grosse Schatten werfen – fast so, wie im echten Leben.

Ich habe meinen Frieden, gefunden in deinen Augen. In deinen Armen. Wenn du mich halten kannst. Gegangen bin ich, abermillionen Wege, bis zu diesem Punkt. Umkehren war nie eine Option.

Der leuchtende Schriftzug dahinten, das milchige Weiss auf rostrotem Grund der Industrien, hier wo mein Leben voran zieht. Tiefes Ausatmen und ein schneller Blick nach oben, Wolken und Lichterschein der hell erleuchteten Stadt.

Ich finde mich zurecht in mir. Und ich bin mir selbst genug. Das ist alles, was ich sein wollte und alles was ich sein muss. Und vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist – an der Wegegabelung, die vor mir verläuft und mahnend fragt: wie weit kannst du noch?

Der erhabene Moment von Freiheit. Entschieden.
Gelebt. Geliebt. Geweint. Gewonnen – Freiheit im Herzen, Freiheit im Sinn. Darum, genau darum, muss ich nicht entschuldigen, wer ich eigentlich bin.

110817

Mit mir selbst

Es wäre ein schönes Gefühl, wenn ich mich mögen würde. Wenn ich wirklich wüsste, wer ich bin. Es wäre beeindruckend zu sehen, dass ich ein guter Mensch bin. Nur, wer ist das schon? Es gibt nichts Gutes, sagte mal einer. Ich glaube, er hatte Recht. In mir türmen sich die Gedanken, die Zweifel bäumen sich auf – ein Selbsthass, weil ich mich so liebe, wie ich wirklich bin. Verworren. Gebrochen. Geflickt. Neu auferstanden. Und tief im Innern, ja immer noch ich selbst. Das lässt mich grinsen, verschmitzt und unbetrübt. Aber ich fühle nichts.

Ich habe manche Sehnsucht, aber bin eigentlich glücklich. Ich brauche nicht mehr; mehr von Kram und Zeug. Ich bin zufrieden, wenn man das überhaupt sein kann. Doch der ganze Dreck innen drin, der verrottet einfach weiter. Noch mehr, was ich dazustellen kann, und ich finde mich selbst nicht mehr wieder. Und es kommt immer mehr. Ich stapel es oben auf, mit jedem Tag.

Trotzdem. Ich grinse. Das ist mein Naturell, das bin nun einmal ich. Ich freue mich über mein Chaos, meine absolute Wüsterei, in mir drin nichts als Staub und Dreck und Schutt und Asche, ein alter Brennofen; ich hoffe, auch das geht wieder irgendwann vorbei. Wie eine uralte Seele, die alles auf sich nimmt, die immer höher Baut mit all dem Dreck. Ich liebe mein Leben, noch immer.

Ich weiss, es ist nicht richtig und ich weiss auch nicht, wieso ich weiter stapel und weiter baue. Ich könnte aufhören und aufräumen, ich könnte alles ansehen und verstehen: das bist du, genau Du. Aber ich habe viel zu grosse Angst mit mir selbst zu sein. Darum hole ich immer mehr Dreck und Staub und Ballast rein, den ich oben drauf türme. Vielleicht fällt bald alles zusammen und alles kracht ein.

Selbst der Gedanke lässt mich nicht aufhören zu grinsen. Freude. Ein tiefes Atmen. Ich kann das schon, so schwer wird’s nicht sein. Ich räume auf, Scherben zu Scherben, Dreck zu Dreck und vielleicht finde ich ja noch einen ganz kleinen, ganz winzigen unbeschadeten Fleck und den nehme ich dann und stülpe ein sauberes Glas darüber. Ich bewahre ihn. Um mit mir selbst im Reinen zu sein.

140517