ehrlich

Um zu sein, versuche ich die ehrlichste Version von mir selbst mit mir selbst zu sein. Wenn ich das nicht kann, zerspringe ich fast und löse mich gleichzeitig auf, werde von meiner inneren Leere übermannt und spüre, dass ich in meinen Augen nichts mehr lesen kann.

Wenn es wieder soweit ist und mich diese Ohnmacht einholt, dieses ständige Verlangen, jemand anders sein zu wollen und sein zu müssen, damit ich überhaupt irgendjemand bin, dann verlaufe ich mich in meinen Gedanken und bin fast bestürzt über den tiefen Abgrund, den sie erschaffen.

Nicht mal die Dunkelheit, nicht diese unfassbare Schönheit der Nacht kann mich dann retten. Ich verstricke mich und ich falle, tiefer und tiefer, in die Leere des Seins, des Nichtseins, des Ichseins. Und dann sehe ich hinauf und sehe dich, wie du versuchst wieder vollständig zu werden und ich versuche mir dich zum Beispiel zu nehmen. Und spüre, wie du mich heilst.

Es ist wahr, was einmal gesprochen wurde, denn du erhellst meinen Weg, du erhellst mein Gemüt, auch wenn du mich oft nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich blicke dich an und sehe doch nicht, was alles dahinter steckt und du offenbarst mir dein Geheimnis nicht vollständig. Nicht ganz. Und ich suche weiter zu lesen, was da verborgen bleibt und taste mich, Stück um Stück, voran.

Und auf der Suche nach deinen Ungereimtheiten, nach deinen Sehnsüchten und Träumen, nach all dem, was dort auf der dunklen Seite liegt, die ich nie sehen kann; irgendwo darin finde ich mich selbst und finde ein immer neues Stück, dass mich zu einem Ganzen formt. Und ich bin dir dankbar, auch wenn du es nicht sehen kannst, nicht verstehen kannst.

Denn du bist dort oben und ich stehe hier, des Nachts an meinem Fenster, blicke hinauf, du schaust hinab und wir sehen uns. Und es braucht kein Wort, es braucht nur diesen Hauch einander zu wissen, einander zu vertrauen. Du hängst dort an diesem samtenen Schwarz und Blau, schimmerst und scheinst und strahlst.

Wenn es dann soweit ist, werden wir es wissen. Wir werden es wohl beide ganz genau verstehen, endlich dann, auch ohne jede kleine Fügung zu begreifen, werden wir vollständig sein und genau darin liegt eigentlich der Sinn. Wie es einst geschrieben stand, Liebe macht’s, dass die Welt sich dreht – und du lässt es zu und hüllst die Nacht in deinen sanften Schein; mein lieber Mond, das könnt für mich fast Liebe schon sein.

030917

Kein grosser Verlust

Ich sitze und das Leben zieht vorüber. Wenn ich hinaus blicke, sehe ich die Oberleitungen der Züge und höre das Vorbeirauschen abertausender Menschen, jeden Tag.

Der Kater scheint unbeeindruckt. Es rattert und knallt. Er frisst und schläft, gewohnt, tagein – tagaus. Kein Groll gegen all das Leben, das beginnt. All das Leben, das hinter den Schienen weitergeht.

Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe keinen Hass, davon gibt es ja schon genug auf der Welt. Es ist alles abgelegt, es ist verziehen, vergessen und vergeben. Es war kein grosser Verlust.

Der Mond zieht langsam auf, nicht mehr in seiner Gänze. Doch fühle ich mich fast erleuchtet, fast geblendet. Sein Schein lässt selbst von den kleinsten Kieseln grosse Schatten werfen – fast so, wie im echten Leben.

Ich habe meinen Frieden, gefunden in deinen Augen. In deinen Armen. Wenn du mich halten kannst. Gegangen bin ich, abermillionen Wege, bis zu diesem Punkt. Umkehren war nie eine Option.

Der leuchtende Schriftzug dahinten, das milchige Weiss auf rostrotem Grund der Industrien, hier wo mein Leben voran zieht. Tiefes Ausatmen und ein schneller Blick nach oben, Wolken und Lichterschein der hell erleuchteten Stadt.

Ich finde mich zurecht in mir. Und ich bin mir selbst genug. Das ist alles, was ich sein wollte und alles was ich sein muss. Und vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist – an der Wegegabelung, die vor mir verläuft und mahnend fragt: wie weit kannst du noch?

Der erhabene Moment von Freiheit. Entschieden.
Gelebt. Geliebt. Geweint. Gewonnen – Freiheit im Herzen, Freiheit im Sinn. Darum, genau darum, muss ich nicht entschuldigen, wer ich eigentlich bin.

110817

Falsch abgebogen

Irgendwo falsch abgebogen. Auf einen Weg geraten, der nicht mehr gerade zu biegen ist. Weitergelaufen, über Strassen und Wege, Wiesen und Deiche, über die Verzweiflung hin zur völligen Selbstzerstörung. Unten angekommen. Wieder aufgestanden, weitergemacht. Nie das Lächeln im Herzen verloren, das aufrechterhält. Nie gefragt, ob der Weg der Richtige ist. Er muss es sein. Irgendwo auf Schiffen gewesen, ein kleines bisschen Welt gesehen. Aus der Luft und im Wasser stehend. Nichts als blauen Himmel gesehen. Und manchmal tiefdunkelblau wie ein seidenes Tuch mit feinen, kleinen Perlen bestickt, in die klare Nacht mit all den Milliarden von Sternen. Manchmal nichts als Dunkelheit – gesehen und gefühlt. Sooft war da nur das Licht des Mondes, der dort oben hing. Und auch er leuchtete den Weg aus; er führte nach Haus. Für Irrungen und Wirrungen, die kamen und gingen. Häufig war da doch ein kleiner Schein am Firmament, der Hoffnungsschimmer auf einen wieder neuen Tag. Und wenn der anbrach, gab es kein zurück. Keine Wiederkehr, kein Nochmalerleben. Mit der Sonne stirbt die letzte Nacht, und alles Neue kommt unweigerlich den Weg entlang. Gehend, stehend – vielleicht sogar flehend schreibt sich der neue Tag in den Körper, in die Seele. Jedes Wort, das erklingt. Jeder Augenaufschlagsmoment, jeder Blick. Nicht zurück. Immer vorwärts, immer voran. Laufend, laufend, laufend, immer Schritt um Schritt. Manche Angst gefühlt. Manche Liebe geträumt. Manche Menschen verhasst, manche Menschen zum Schönsten poliert. Immer den armen Tropf gesucht, immer wieder aufgebaut – neu, von vorn, ganz gleich wie schwer es wog. Am Ende selbst  als ein trauriges Häufchen Elend zurückgeblieben. Schmerz gefühlt. Das einzig wahre Gefühl, auf das alles zurückführt. Verlust und Angst, Sehnsucht und Liebe, Vertrauen und Verlassen – sie führen alle zu ihm. Und er führt den Weg entlang über einige Hürden, einige Winkel und Ecken. Immer mitgegangen, es bleibt keine Zeit zum Verstecken. Ein Nein liegt einfach nicht drin. Oft gehört, oft gefleht; am Boden liegen geblieben. Getreten. Geschrien. Es nützt doch nichts, wieder vergeht die nächste Runde. Das nächste Leben. Das nächste Jahrhundert. Gefühlte Ewigkeit mit jedem Augenaufschlag. Jeder Atemzug so tief und innig. Grauenhaft und grossartig, die kühle Nachtluft eingesogen. Auf abertausende Galaxien geblickt.

Sich in das Universum verliebt.

In die Unendlichkeit.

In die Unmöglichkeit.

Immer und immer.

100717

Mit mir selbst

Es wäre ein schönes Gefühl, wenn ich mich mögen würde. Wenn ich wirklich wüsste, wer ich bin. Es wäre beeindruckend zu sehen, dass ich ein guter Mensch bin. Nur, wer ist das schon? Es gibt nichts Gutes, sagte mal einer. Ich glaube, er hatte Recht. In mir türmen sich die Gedanken, die Zweifel bäumen sich auf – ein Selbsthass, weil ich mich so liebe, wie ich wirklich bin. Verworren. Gebrochen. Geflickt. Neu auferstanden. Und tief im Innern, ja immer noch ich selbst. Das lässt mich grinsen, verschmitzt und unbetrübt. Aber ich fühle nichts.

Ich habe manche Sehnsucht, aber bin eigentlich glücklich. Ich brauche nicht mehr; mehr von Kram und Zeug. Ich bin zufrieden, wenn man das überhaupt sein kann. Doch der ganze Dreck innen drin, der verrottet einfach weiter. Noch mehr, was ich dazustellen kann, und ich finde mich selbst nicht mehr wieder. Und es kommt immer mehr. Ich stapel es oben auf, mit jedem Tag.

Trotzdem. Ich grinse. Das ist mein Naturell, das bin nun einmal ich. Ich freue mich über mein Chaos, meine absolute Wüsterei, in mir drin nichts als Staub und Dreck und Schutt und Asche, ein alter Brennofen; ich hoffe, auch das geht wieder irgendwann vorbei. Wie eine uralte Seele, die alles auf sich nimmt, die immer höher Baut mit all dem Dreck. Ich liebe mein Leben, noch immer.

Ich weiss, es ist nicht richtig und ich weiss auch nicht, wieso ich weiter stapel und weiter baue. Ich könnte aufhören und aufräumen, ich könnte alles ansehen und verstehen: das bist du, genau Du. Aber ich habe viel zu grosse Angst mit mir selbst zu sein. Darum hole ich immer mehr Dreck und Staub und Ballast rein, den ich oben drauf türme. Vielleicht fällt bald alles zusammen und alles kracht ein.

Selbst der Gedanke lässt mich nicht aufhören zu grinsen. Freude. Ein tiefes Atmen. Ich kann das schon, so schwer wird’s nicht sein. Ich räume auf, Scherben zu Scherben, Dreck zu Dreck und vielleicht finde ich ja noch einen ganz kleinen, ganz winzigen unbeschadeten Fleck und den nehme ich dann und stülpe ein sauberes Glas darüber. Ich bewahre ihn. Um mit mir selbst im Reinen zu sein.

140517

 

zerrissen

getrieben von allen Müssen und Sollen

gezogen durch all die Pfade, die ich nicht gehen wollte

und du schleppst mich mit, immer weiter voran

 

gefühlt, wie eine Katze an der Leine

gedacht an das Ausreissen und niemals zurück blicken

bis zum Tag

als ich es tat

 

und ging.

 

 

zerrissen bliebst du zurück

zerfurcht bleibt dein Gesicht, dass ich nicht mehr sehen will

und du hüllst dich in deine dich rettenden Gespinste

 

zerfressen war meine Seele, begraben tief drin

zerschlagen habe ich alle fesselnden Ängste und Sorgen

an dem Tag

als ich es tat

 

und ging.

 

160517

Drückende Schwere

Drückende Schwere.

Der Gegensatz zu vorheriger Schwerelosigkeit.

Das Gefühl des tiefen, inneren Zweifels mit sich selbst.

DAS STEHENBLEIBEN.

.

Allein.

Die Welt, die sich in Zeitlupe vor sich herbewegt.

Fragen.

MENSCHEN, DIE SICH IN IHNEN WIEDERFINDEN.

.

Bewegte Bilder, die Stillstand versprechen.

Unaufhaltsam läuft sie davon.

Zeit.

DIE WELT RENNT HINTERHER.

.

Und wieder von vorn.

Der neue Tag.

Das Morgenrot.

120711

Steinern

Ein Stein liegt auf meiner Türschwelle und du hast ihn platziert

damit ich wieder weiss, was ich wert bin und wohin du mich ziehen lässt.

Ich kann es klar sehen und ich fühle den Stein in mir wachsen

ohne einen Groll zu spüren, denn ich bin mit mir im Reinen und kann

klaren Gewissens

ohne Fragerei sagen, was ich fühle und was ich will.

 

Nie konntest du etwas fühlen, was sich ausserhalb deiner eigenen Grenze befand

und so hast du eine dicke, steinerne Wand aufgebaut,

die dich nicht zu dir lässt.

 

Mir ist das egal, ich bin in mir ich geblieben,

so ein Glück, ich bin so froh, dass ich jetzt nochmal ich sein darf

und ich bin so froh, dass du mich endlich gehen lassen hast.

 

Die Gespenster sind verschwunden, sie jagen mich nicht mehr.

Heute kann ich frei atmen und gehen,

und du trauriger Schluck bleibst

mürbe zurück und

glaubst, du bist geheilt.

 

Ich trink jetzt wieder und ich benehme mich daneben

und ich erlebe wieder was und

ich lebe.

 

Du hattest das aufgegeben, du hast das fortgeschmissen

und dann hast du gemeint ich trage alle Schuld.

 

Fick dich doch, hab ich sooft gedacht,

endlos bin ich gerannt und du hast es nicht verstanden.

Das zeigt, in welcher Welt du lebst. Da gibt es ja nur dich.

 

Nicht in meiner. Nie mehr wieder. Nicht zurück.

Und ich atme Neues ganz tief ein.

Ich lebe und ich bin froh, zu sein.

 

 

070417