Ein neuer Tag

Und über dem Tal den Nebel steigen sehend
blicke ich hinab auf diese kleine Welt
sehe herunter, erkenne doch nicht
wonach ich eigentlich sehnend
und was mich letztlich zusammenhält.

Ich sehe wie schnell, wie flink und ach so ohne Sorgen
wie er beginnt, mit hellen Strahlen, sanft empor sich klimmend
– der immer währende, immer wieder,
der neue Morgen.

Und all die Wärme, die er verbreitet, wenn das Licht mich
letztlich ganz und gar berührt, ja fast umarmt
und mit einer Weisheit von Anfang und Ende mich
dann in sanften Wogen ermahnt.

Wie fliegende Geigen, wie ein flüchtiger Kuss
frei von jedem Gedanken, der sich
unentwegt formen muss –

hältst du mich
ganz weit, ganz oben
geniesst den Moment
geniesst den Beginn
dieses
neuen
Tags.

101119

Nichts tut mehr weh

Mit einem zufriedenen Lächeln tritt sie hinaus auf die Strasse. Nichts kann sie mehr davon abhalten, ihren Weg zu gehen. Niemand hat mehr die Macht, sie so zu zerstören, wie nur sie selbst es können sollte. Ein leichter Schauer fährt über ihren Nacken und stellt alle feinen, kleinen, blonden Härchen auf. Mit dem zur Seite geneigten Kopf schüttelt sie es ab, schüttelt sie alles von sich. Und in ihrem Inneren kehrt ein Frieden ein. Eine wohlige Wärme kehrt zurück. Alle Schatten fallen ab. Mit einem lauten Knall, mit Fanfaren feiert sie den Moment in ihrem Kopf. Tanzend tritt sie auf die Strasse, von einem Lächeln überströmt. Von Glück erfüllt. Mit einer neuen Stärke, mit einer neuen Gewissheit – das Leben geht stets voran, findet seinen Weg und sie muss sich nicht fürchten; nicht vor dem Morgen und nicht vor dem Alleinsein. Denn alles was es braucht, ist sie selbst. Der unbezahlbare Blick der Endgültigkeit. Das wohltuende Lächeln zum Abschied, der kein Wiedersehen verspricht. Wenn sie daran denkt, wenn sie all das in sich aufnimmt und mit einem grossen Ruck von sich wirft, dann fängt sie an zu fühlen. Die Welt und sich selbst, sie beginnt zu lieben, sie beginnt wieder zu leben. Die Türe fällt ins Schloss, mit einem Einrasten ist auf einmal alles vorbei. Ein letzter Blick, seine Hand, die ihre nochmal drückt. Keine Worte aus seinem Mund, denn er ist ob der Endgültigkeit verstummt. Und so grossartig, denn er weiss genau, was in ihr vorgeht und kann sehen und kann es fühlen, alle Genugtuung ist vereint, sie ist wieder vollständig bei sich und strahlt und glänzt mit einem seidenen Schein. Ihr vollkommenes Glück ist kaum zu erfassen, sie findet nicht die richtigen Worte und wünscht nur das Beste für den Rest des Lebens, den sie ihn nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen muss. Es. Ist. Endlich. Schluss. Es ist vorbei. Und dann läuft sie hinaus, läuft zu und mit und denen und welchen, stösst aus manchen wüsten Schrei und singt und tanzt, auf der Strasse, auf dem Perron und jeder blickt sie an, jeder versteht genau, wie es in ihr geht. Sie kann es nicht verbergen, sie kann den Frohsinn nicht verstecken – und warum sollte sie auch? Jeder soll es sehen, jeder darf es spüren, denn sie teilt es gern, das Glück und das Gefühl und all die Schönheit des Lebens in all seiner Unvollkommenheit, in der Nichtperfektion und mit jedem Makel an sich selbst liebt sie es mehr. Und lässt es zu. Und lässt alles rein und lässt los und spürt – nichts tut mehr weh. Sie ist sich selbst genug.

170717

[ zu Nothing’s gonna hurt you baby ]

Tyrannus Saurus Ex

Es ist keine Kleinigkeit, wenn man sich scheiden lässt. Es ist nicht das kleine bisschen Vernunft, was den anderen dann überzeugen würde, nett zu bleiben. Menschlichkeit und einstige Zuneigung wandeln sich in Unverständnis und Intoleranz. Dein geglaubtes Gegenstück dreht dir den Rücken zu und geht. Gott sei dank!

Denn der Gehende, der bin ich. Ich will, dass es aufhört. Denn das, was da war, kann man eigentlich kaum in Worte fassen. Erträglich war es nur an den Tagen, an denen ich meiner Einsamkeit gewiss war – vor allem der physischen. Ertragen kann das niemand.

Mit manchen Worten habe ich gelogen, mit manchen Blicken wohl auch. Ich weiss nicht, ob ich es wirklich so gut rüberbrachte; aber dass es bis zum Ende nicht offenbar wurde, bleibt mir ein Rätsel. Ich bin ein verdammt schlechter Lügner. Die einzige Lüge, die funktioniert, ist eine Geschichte, deren Wahrheit ich mir ausmale. So hat mein Leben immer funktioniert, ich drehe die Wirklichkeiten so, dass sie für mich wahr und gut sind. Meine eigene Realität. Wie in einem immerwährenden Traum, in dem man nicht mehr aufhört, sich zu drehen.

Dieser Traum wurde zum Albtraum. Keine Ruhe, kein Raum für Gedanken und für das Echte, was sonst aus meiner Seele sprechen muss und auszubrechen versucht. Tagtäglich, quälend, lähmend stampfte er mir seinen Stumpfsinn ein. Abgeklärt und kalt, wie ein Stein, wie ein Riese, der sich vor mir aufbaut. Meine Aussichten waren getrübt, meine Hoffnung lag im Nebel – vor meiner Zukunft verschloss ich lieber die Augen, als ihr entgegen zu eifern. Tragik! Und immer wieder, das Leben.

Dieser Riese, der da stand, nahm mir meine ganze Kraft. Er saugte sie auf und verdarb mich dafür. Er verdarb mich für alles Leben, das ich in mir hatte; für all die Liebe, die ich spüren konnte; für all die Güte, die ich in jedem Menschen zu sehen pflegte. Und er machte mich grau. Farblos. Trist.

Mit seinen dumpfen Tönen und Klängen, seiner Unbedarftheit und der schlichten Uneleganz; seiner Art sich in alles einzumischen, was ihn angeblich nicht interessierte – ohne Feingefühl, ohne eigene Existenz – all das zertrieb mein Innerstes und machte mich leer. Er stahl all die Farben. Er stahl jeden Sinn.

Endlich kann ich darüber lachen, weil ich wieder lachen kann. Und ich kann mich darüber freuen, dass ich wieder ich sein kann. Ohne Groll und ohne Gram, ich gehe es jetzt nochmal von vorne an. Das mit dem Leben, das ist zum Glück geblieben. Denn eigentlich hatte ich nie dieses innerlich zerreissende Gefühl, nicht genug zu haben; nicht genug zu verdienen; das zermürbende Gefühl der Unvollständigkeit. Ich kenne es nicht, auch wenn ich es jetzt sehr lange sah. Es muss anstrengend sein, mit sich selbst zu leben, als er.

Aber glücklicherweise, ich klatsche in meine Hände, ich lächle breit und vergnügt. Ich strecke mich und bin gross und frei und farbenfroh. Und ich schicke ihn zurück in ein Land vor unserer Zeit, meinen Tyrannus Saurus Ex.

140517