Gedanke

Aus dem Traum erwacht
gehe ich mit
der Träne im Gesicht
zurück.

Aus den Trümmern erhoben,
wie aus tiefem Schlaf,
laufe ich mit
tiefer Sehnsucht im Blick.

Aus Gedanken gerissen,
die mich zu dir doch führten,
plötzliche Klarheit über das Sein,
werde ich diese Reinheit hüten.

19012020

An der Tränke

An diesem Morgen ist es warm und lau, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen heraus. Der Wind trägt die leichten Wolken durch den Himmel. Und der Himmel dazwischen, zwischen den Wolken, er ist noch rosa und wird langsam zu blau. Ich sitze am Fenster und blase den Rauch aus meinen Lungen hinaus. Es wird ein schöner Tag. Ich huste kurz, an der ersten Zigarette ist es meist schlimm. Dann verstumme ich, höre ein paar kleine Vögel und dann zerschellt schrill eine Bierflasche und ich höre das Gröhlen eines Penners im Bogengang vorn an der Kreuzung. Der Samstag beginnt.

Ich ziehe mich an, vom Morgentau ist mir noch frisch. Alles steht und legt sich mit den Kleidern auf meiner Haut wieder nieder. Heute ist es blau. Der Tag beginnt schleppend, niemals stehe ich sonst so früh schon auf. Aber heute muss ich dorthin. Ich muss es sehen und spüren, ich will es atmen und eins werden. Ich schreibe einen Zettel „bin spazieren“ und sage Bescheid, sodass trotzdem niemand weiss, wo ich bin. Niemand würde fragen. Alles ist so einfach und alles ist so leicht. Der Kater von gestern Nacht verfliegt mit jedem Stück des trockenen Brots, den grössten Teil habe ich auch vor dem Schlafen schon weggebracht. Es war eine reichlich versiffte Nacht, wir tranken und kotzten, wir lachten, wir weinten; alles in allem ein ruhiger Freitag. Und jetzt stehe ich schon in der Küche, noch eine Zigarette, zwei Schluck vom kalten Kaffee. Ich nehme die zerlotterte Tasche und schwinge sie mir um, schlüpfe in die ausgelatschen Schuhe und laufe raus aus dem Haus. Im Flur riechts nach Gras und ich weiss schon, dass die oben in ihrem Wahn liegen. Die Katze kommt mir entgegen, völlig entgeistert – klar, um die Uhrzeit komm ich sonst nach Hause. Jetzt gehe ich schon los. Verkehrte Welt. Aber heute muss ich unbedingt dorthin.

Ich gehe raus und sehe eine neue Welt, die ich nicht kenne. Andere Uhrzeit, anderes Leben. So viele Menschen, die emsig einen Tag bestreiten, der für mich fast ausschliesslich im Bett ausgetragen wird. Tante Erika, die jeder so nennt, und niemand mit ihr verwandt ist, schiebt mit ihrem Fahrrad vorbei, auf dem Weg zum Markt. Franky radelt, den Kopf chronisch seitlich geneigt, an mir vorüber und nickt mir ein Guten Morgen zu. Ich schaue mich um. Hamster steht gegenüber an seinem Eck und sammelt die Bierflaschen auf, die letzte Nacht liegen geblieben waren. Er ist ein liederlicher Kerl, mit dem ich mich niemals anlegen wollte. Ich kann ihn kaum grüssen, weil er mir unnahbar gegenüber tritt – nur ein falscher Blick würde vermutlich reichen. Meine Schuld waren gebrochene Herzen von irgendwelchen Bekannten. Und ich stehe hier, sehe dem Treiben zu und will nur wieder hoch und mich verkriechen. Aber heute nicht. Ich habe ja ein Ziel.

Ich entscheide mich nach links zu gehen, erstmal runter zur Pennerbank. Ich bin erstaunt, denn unten am Übergang zum grossen Fluss bekommt der Name heute doch zum ersten Mal eine ehrwürdige Bedeutung: sie schlafen wirklich dort. Es war auch lau heut Nacht. Der Sommer meinte es gut mit ihnen. Sie stinken und sind dreckig und haben klebrige Haut und tiefschwarze Fingernägel. Ich grüsse, sie schauen nicht mal hoch. Der Rausch vom Freitag hängt ihnen nach. Ich überquere also gewohnt die Schleusenbrücke und sehe schon die Weite der Wiesen und den kleinen Deich. Das Bootshaus links und ansonsten nur Wiesen und Bäume und Grün, so satt und kräftig, verbunden mit dem frischen Morgen; meine ganz neue Welt. Ich laufe, in meinem natürlichen Schritt, ich werde schneller und bin freudig erregt. Ich gehe auf die Bäume zu, ich laufe auf dem Deich; Schritte, die ich schon hunderte Male gegangen war. Und trotzdem war es so anders. Ich sehe rechts ab die Badestelle jener entlegener Sommer, die wir schon hinter uns hatten. Manch einer ertrank darin, manch einer verliebte sich in anderen Nächten. Manchmal lagen wir wie die Maikäfer auf dem Rücken und ergötzten uns an der Schönheit der Nacht und der Unmöglichkeit nach der ganzen Flasche noch auf die Beine zu kommen. Wir waren völlig verloren. Ich laufe weiter und schiebe die Erinnerungen beiseite. Die Bäume rauschen im Wind und der Fluss prescht links vorbei. Ich liebe dieses Fleckchen Erde. Und schon so viele der Grossen wussten ihre hiesigen Wanderungen zu Papier zu bringen. Ich bin kein Fontane, aber immerhin fühle ich diesen Moment so echt und klar und grossartig, dass mir nicht mal der restliche Alkohol zusetzt. Also laufe ich. Beim Versuch so wunderbar tief zu atmen, muss ich leider meinem Raucherhusten den Vortritt lassen und kotze nochmal fast. Aber ich beruhige mich zum Glück wieder, niemand kam vorbei. Ich laufe bei Onkel Tom runter vom Deich und nehm die Abkürzung quer durch die Wiese. Ich habe ja mein Ziel. Noch ein paar Meter mehr, noch ein Stückchen weiter. Den Weiher kann man kaum noch sehen und die Stadt wirkt jetzt so gleich und fernab. Ich fühle mich so gut, denn hier wird niemand sein. Niemals. Und grade aus, ich gehe darauf zu. Ich sehe die grosse Weide stehen, ungestüm spendet sie Schatten, den ich heute unbedingt brauche. Ich klettere über die Eisenstreben und schlüpfe hinein auf mein kleines Stückchen behutsamen Landes. Und hinten an der Ecke, kurz vor Schluss, links vom Baum, da steht sie. Verrostet und unbrauchbar, eine alte Badewanne. Sie diente einst als Tränke, als hier noch Kühe standen. Niemand braucht sie jetzt, niemand kennt ihren Nutzen. Und niemand kommt her, um nochmal nachzusehen, ob sie noch ist. Ich lege mich auf den abschüssigen Hang unter der Weide. Die Tränke im Rücken, das weite Feld vor mir. Ich denke an Vater Briest und sein weites Feld. Das muss er gemeint haben, als er nicht mehr zu erklären im Stande war, was seiner Tochter für Fragen kamen. Ich liege hier im Gras, es duftet nach trockenem Sommer und aufgehendem Morgen. Der Tag ist jung. Ich wünschte, ich würde ewig sein. Ich zünde eine Kippe an und ziehe ein paar schnelle Züge, drücke sie aus und schnippe sie weg. Die Weide steht unverändert und ihre rauschenden Äste und Blätter singen ein Lied und beschützen mich hier in der Abgeschiedenheit. Mein liebster Ort. Hier begrabe ich all meine Träume, hier lasse ich alles zurück.

060417