Schiff ohne Anker

Wie ein Schiff ohne Anker, treibe ich dahin, finde keinen Halt.
Wie ein Schiff ohne Anker, einfach ständig in Bewegung, ständig losgerissen, allen Wendungen und Wettern ausgesetzt –
wie ein Schiff ohne Anker, dafür werd‘ ich langsam zu alt.

Und wenn es kentert.
Dann bin ich das Treibholz im Meer, eine Seele, die es zieht – und es zieht sie so sehr!
Ich treibe davon, nachdem es zerschellte. Gerade zu auf die berstenden Wellen, die Wogen hinaus, denke ich an die Zukunft; komm gar nicht draus.

Wie angespült an diesen Strand, der Sehnsucht und Hoffnung vereinte.
Am Strand voller Träume, aus längst vergangenen Leben, die ich einst lebte. Ich blicke zurück, schaue in Augen und hoffe, dass das Glück endlich keimte.

Und wenn es mich erfüllt.
Ein Lächeln, ein Hieb, ein kurzer Moment nur musste es sein. Ein Halten, die Worte und fast mit Gewalt stürzte es wieder auf mich hinein – trunken von Phantasie, trunken von Träumen, die wie brechende Wellen mein Herz fast überschäumen.

Wie Realität holt es mich zurück und lässt mich doch in manchen Augenblicken noch diese Tiefe einmal erblicken; bin nicht gestrandet, bin nicht angekommen –
das Schnappen nach Luft, als würde meine Seele innen doch ersticken.
Ertrunken in Mitleid, hab ich das gewollt?

Dabei hoffte, dabei träume ich doch nur davon, noch einmal nah zu sein, ohne gestern und ohne morgen. Ich verstehe es, verstehe all die Bedenken, verstehe alle Sorgen.
Ich verstehe die Realität, ich weiss, es kann ja nicht sein. Fühle trotzdem, kehre in mich hinein, kehre es aussen hervor und weiss doch eigentlich,
bin längst schon ertrunken bevor ich erfror.

271019

Nachtduft

Gerade jetzt im Sommer kommt dieses wiederkehrende Gefühl. Es ermannt sich, es überrennt mich. Mit einem tiefen Atemzug und dem Blick in den Nachthimmel zerreisst es mich fast. Ein Junikäfer setzt sich an meinen Fenstersims, als wollte er von der Welt da draussen erzählen. Von dem, vor dem ich mich gekonnt verstecke und verkrieche, in meiner Höhle der Einsamkeit, in meinem wohlbekannten Loch der unerträglichen Leichtigkeit. Mit den Klängen Mahlers zu vergleichen, ein ständig ansteigendes Tönen der Geigen, läuft es mir eiskalt entlang, stellt jedes Härchen einzeln auf und bringt mich in vagen Träumen doch zu dir. Zu dir, wie in jener Nacht, in diesen Nächten, vor all den vielen Jahren, vor all den Jahrtausenden, in denen ich glaube, dich geliebt zu haben. In diesem Leben begegnest du mir, jetzt und immer wieder, wir finden zusammen, mit all der Tragik, all der Unschuld eines längst vergessenen Traums. Gross und weit und sternenklar erstreckst du dich über mir, wie das Universum legst du dich zu Grunde, der Beginn allen Übels und der Träumenden gewisser Morgen. Mit all dem Funkeln und Glitzern, wie das immer neue Anschlagen der Klaviatur zu meinem persönlichen Wohlbefinden, ergänzt du erhaben meinen trotzigen Abend. Erhellend leuchtet der Mond, keine ganze Drehung ist ihm vergönnt, und doch wissen wir, doch sehen wir, er ist dort oben und alles kreist und dreht und wendet sich, wie es das womöglich schon immer getan hat. Über all die vielen Epochen, jede einzelne Ära und die Unglaublichkeiten, in denen meine Seele zu dir blickte und dich verehrte und vergötterte. Meine Seele, mein Menschsein, mein Wunschtraum offenbart sich in dir und deiner überschwänglichen Grösse, dich über mir aufzuspannen, wie ein seidenweicher tiefdunkelblauer Teppich aus Nacht. Deine Kühle lässt einen Schauer über mich hernieder, deine Sanftheit beruhigt mich gleichzeitig. Und keinen Kuss entfernt, berührt der Duft deiner sommerlichen Frische meine Haut und meine Lippen. Ich ergebe mich deiner Stille, deiner Einsamkeit und deiner entsetzlich einfachen Schönheit. Wenn ich durch dich hindurch wandere, ist es wie schweben; es ist wie ein Wandeln im Traum und in der Unwirklichkeit. Und du nimmst mich. Immer wieder, nimmst du mich auf, in deine alles beschützenden Arme. In deine unsägliche Traurigkeit, in deine gnadenlos Tiefe. Und so gehe ich, immer und immer wieder – in die Nacht.

030717