Kein grosser Verlust

Ich sitze und das Leben zieht vorüber. Wenn ich hinaus blicke, sehe ich die Oberleitungen der Züge und höre das Vorbeirauschen abertausender Menschen, jeden Tag.

Der Kater scheint unbeeindruckt. Es rattert und knallt. Er frisst und schläft, gewohnt, tagein – tagaus. Kein Groll gegen all das Leben, das beginnt. All das Leben, das hinter den Schienen weitergeht.

Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe keinen Hass, davon gibt es ja schon genug auf der Welt. Es ist alles abgelegt, es ist verziehen, vergessen und vergeben. Es war kein grosser Verlust.

Der Mond zieht langsam auf, nicht mehr in seiner Gänze. Doch fühle ich mich fast erleuchtet, fast geblendet. Sein Schein lässt selbst von den kleinsten Kieseln grosse Schatten werfen – fast so, wie im echten Leben.

Ich habe meinen Frieden, gefunden in deinen Augen. In deinen Armen. Wenn du mich halten kannst. Gegangen bin ich, abermillionen Wege, bis zu diesem Punkt. Umkehren war nie eine Option.

Der leuchtende Schriftzug dahinten, das milchige Weiss auf rostrotem Grund der Industrien, hier wo mein Leben voran zieht. Tiefes Ausatmen und ein schneller Blick nach oben, Wolken und Lichterschein der hell erleuchteten Stadt.

Ich finde mich zurecht in mir. Und ich bin mir selbst genug. Das ist alles, was ich sein wollte und alles was ich sein muss. Und vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist – an der Wegegabelung, die vor mir verläuft und mahnend fragt: wie weit kannst du noch?

Der erhabene Moment von Freiheit. Entschieden.
Gelebt. Geliebt. Geweint. Gewonnen – Freiheit im Herzen, Freiheit im Sinn. Darum, genau darum, muss ich nicht entschuldigen, wer ich eigentlich bin.

110817

Nichts tut mehr weh

Mit einem zufriedenen Lächeln tritt sie hinaus auf die Strasse. Nichts kann sie mehr davon abhalten, ihren Weg zu gehen. Niemand hat mehr die Macht, sie so zu zerstören, wie nur sie selbst es können sollte. Ein leichter Schauer fährt über ihren Nacken und stellt alle feinen, kleinen, blonden Härchen auf. Mit dem zur Seite geneigten Kopf schüttelt sie es ab, schüttelt sie alles von sich. Und in ihrem Inneren kehrt ein Frieden ein. Eine wohlige Wärme kehrt zurück. Alle Schatten fallen ab. Mit einem lauten Knall, mit Fanfaren feiert sie den Moment in ihrem Kopf. Tanzend tritt sie auf die Strasse, von einem Lächeln überströmt. Von Glück erfüllt. Mit einer neuen Stärke, mit einer neuen Gewissheit – das Leben geht stets voran, findet seinen Weg und sie muss sich nicht fürchten; nicht vor dem Morgen und nicht vor dem Alleinsein. Denn alles was es braucht, ist sie selbst. Der unbezahlbare Blick der Endgültigkeit. Das wohltuende Lächeln zum Abschied, der kein Wiedersehen verspricht. Wenn sie daran denkt, wenn sie all das in sich aufnimmt und mit einem grossen Ruck von sich wirft, dann fängt sie an zu fühlen. Die Welt und sich selbst, sie beginnt zu lieben, sie beginnt wieder zu leben. Die Türe fällt ins Schloss, mit einem Einrasten ist auf einmal alles vorbei. Ein letzter Blick, seine Hand, die ihre nochmal drückt. Keine Worte aus seinem Mund, denn er ist ob der Endgültigkeit verstummt. Und so grossartig, denn er weiss genau, was in ihr vorgeht und kann sehen und kann es fühlen, alle Genugtuung ist vereint, sie ist wieder vollständig bei sich und strahlt und glänzt mit einem seidenen Schein. Ihr vollkommenes Glück ist kaum zu erfassen, sie findet nicht die richtigen Worte und wünscht nur das Beste für den Rest des Lebens, den sie ihn nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen muss. Es. Ist. Endlich. Schluss. Es ist vorbei. Und dann läuft sie hinaus, läuft zu und mit und denen und welchen, stösst aus manchen wüsten Schrei und singt und tanzt, auf der Strasse, auf dem Perron und jeder blickt sie an, jeder versteht genau, wie es in ihr geht. Sie kann es nicht verbergen, sie kann den Frohsinn nicht verstecken – und warum sollte sie auch? Jeder soll es sehen, jeder darf es spüren, denn sie teilt es gern, das Glück und das Gefühl und all die Schönheit des Lebens in all seiner Unvollkommenheit, in der Nichtperfektion und mit jedem Makel an sich selbst liebt sie es mehr. Und lässt es zu. Und lässt alles rein und lässt los und spürt – nichts tut mehr weh. Sie ist sich selbst genug.

170717

[ zu Nothing’s gonna hurt you baby ]

Falsch abgebogen

Irgendwo falsch abgebogen. Auf einen Weg geraten, der nicht mehr gerade zu biegen ist. Weitergelaufen, über Strassen und Wege, Wiesen und Deiche, über die Verzweiflung hin zur völligen Selbstzerstörung. Unten angekommen. Wieder aufgestanden, weitergemacht. Nie das Lächeln im Herzen verloren, das aufrechterhält. Nie gefragt, ob der Weg der Richtige ist. Er muss es sein. Irgendwo auf Schiffen gewesen, ein kleines bisschen Welt gesehen. Aus der Luft und im Wasser stehend. Nichts als blauen Himmel gesehen. Und manchmal tiefdunkelblau wie ein seidenes Tuch mit feinen, kleinen Perlen bestickt, in die klare Nacht mit all den Milliarden von Sternen. Manchmal nichts als Dunkelheit – gesehen und gefühlt. Sooft war da nur das Licht des Mondes, der dort oben hing. Und auch er leuchtete den Weg aus; er führte nach Haus. Für Irrungen und Wirrungen, die kamen und gingen. Häufig war da doch ein kleiner Schein am Firmament, der Hoffnungsschimmer auf einen wieder neuen Tag. Und wenn der anbrach, gab es kein zurück. Keine Wiederkehr, kein Nochmalerleben. Mit der Sonne stirbt die letzte Nacht, und alles Neue kommt unweigerlich den Weg entlang. Gehend, stehend – vielleicht sogar flehend schreibt sich der neue Tag in den Körper, in die Seele. Jedes Wort, das erklingt. Jeder Augenaufschlagsmoment, jeder Blick. Nicht zurück. Immer vorwärts, immer voran. Laufend, laufend, laufend, immer Schritt um Schritt. Manche Angst gefühlt. Manche Liebe geträumt. Manche Menschen verhasst, manche Menschen zum Schönsten poliert. Immer den armen Tropf gesucht, immer wieder aufgebaut – neu, von vorn, ganz gleich wie schwer es wog. Am Ende selbst  als ein trauriges Häufchen Elend zurückgeblieben. Schmerz gefühlt. Das einzig wahre Gefühl, auf das alles zurückführt. Verlust und Angst, Sehnsucht und Liebe, Vertrauen und Verlassen – sie führen alle zu ihm. Und er führt den Weg entlang über einige Hürden, einige Winkel und Ecken. Immer mitgegangen, es bleibt keine Zeit zum Verstecken. Ein Nein liegt einfach nicht drin. Oft gehört, oft gefleht; am Boden liegen geblieben. Getreten. Geschrien. Es nützt doch nichts, wieder vergeht die nächste Runde. Das nächste Leben. Das nächste Jahrhundert. Gefühlte Ewigkeit mit jedem Augenaufschlag. Jeder Atemzug so tief und innig. Grauenhaft und grossartig, die kühle Nachtluft eingesogen. Auf abertausende Galaxien geblickt.

Sich in das Universum verliebt.

In die Unendlichkeit.

In die Unmöglichkeit.

Immer und immer.

100717

Nachtduft

Gerade jetzt im Sommer kommt dieses wiederkehrende Gefühl. Es ermannt sich, es überrennt mich. Mit einem tiefen Atemzug und dem Blick in den Nachthimmel zerreisst es mich fast. Ein Junikäfer setzt sich an meinen Fenstersims, als wollte er von der Welt da draussen erzählen. Von dem, vor dem ich mich gekonnt verstecke und verkrieche, in meiner Höhle der Einsamkeit, in meinem wohlbekannten Loch der unerträglichen Leichtigkeit. Mit den Klängen Mahlers zu vergleichen, ein ständig ansteigendes Tönen der Geigen, läuft es mir eiskalt entlang, stellt jedes Härchen einzeln auf und bringt mich in vagen Träumen doch zu dir. Zu dir, wie in jener Nacht, in diesen Nächten, vor all den vielen Jahren, vor all den Jahrtausenden, in denen ich glaube, dich geliebt zu haben. In diesem Leben begegnest du mir, jetzt und immer wieder, wir finden zusammen, mit all der Tragik, all der Unschuld eines längst vergessenen Traums. Gross und weit und sternenklar erstreckst du dich über mir, wie das Universum legst du dich zu Grunde, der Beginn allen Übels und der Träumenden gewisser Morgen. Mit all dem Funkeln und Glitzern, wie das immer neue Anschlagen der Klaviatur zu meinem persönlichen Wohlbefinden, ergänzt du erhaben meinen trotzigen Abend. Erhellend leuchtet der Mond, keine ganze Drehung ist ihm vergönnt, und doch wissen wir, doch sehen wir, er ist dort oben und alles kreist und dreht und wendet sich, wie es das womöglich schon immer getan hat. Über all die vielen Epochen, jede einzelne Ära und die Unglaublichkeiten, in denen meine Seele zu dir blickte und dich verehrte und vergötterte. Meine Seele, mein Menschsein, mein Wunschtraum offenbart sich in dir und deiner überschwänglichen Grösse, dich über mir aufzuspannen, wie ein seidenweicher tiefdunkelblauer Teppich aus Nacht. Deine Kühle lässt einen Schauer über mich hernieder, deine Sanftheit beruhigt mich gleichzeitig. Und keinen Kuss entfernt, berührt der Duft deiner sommerlichen Frische meine Haut und meine Lippen. Ich ergebe mich deiner Stille, deiner Einsamkeit und deiner entsetzlich einfachen Schönheit. Wenn ich durch dich hindurch wandere, ist es wie schweben; es ist wie ein Wandeln im Traum und in der Unwirklichkeit. Und du nimmst mich. Immer wieder, nimmst du mich auf, in deine alles beschützenden Arme. In deine unsägliche Traurigkeit, in deine gnadenlos Tiefe. Und so gehe ich, immer und immer wieder – in die Nacht.

030717

Ankommen

Mit jedem Lächeln schenkst du mir ein kleines bisschen Licht. So richtig glücklich sein, ich weiss gar nicht, ob ich das kann – aber mit dir fühlt es sich so an und ich wundere mich auch gar nicht mehr darüber, ich geniesse dich einfach immer und immer wieder.

Mit deiner Art und deinem Blick, du schickst mich hier und da auf eine kleine Reise, auf ein Abenteuer und nimmst keines deiner Worte wieder zurück; denn ich nehme sie in mich auf, ich nehme deine Hand und drücke sie fest in meine und hoffe, du lässt nicht locker, lässt nicht los.

Mit meinem Komischsein, mit meiner Unentschlossenheit, mit dem Springen und Winden aus allen Ernsthaftigkeiten mache ich es dir schon nicht leicht, das weiss ich wohl. Aber mit jedem Tag, mit jedem Vermissen, dass ich spüre; mit jeder Zuneigung von dir, fühlt sich all das, was wir nicht aussprechen; all das, wofür wir keine Worte nehmen, es fühlt sich nach Ankommen an.

Am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit der richtigen Portion Humor und Gefühl und Zweisamkeit. Egal wo wir sind. In deinen Armen spannt sich das Universum über mir auf und hält mich und fällt nicht in sich zusammen, schubst alle Sorgen vom Rand – danke dir fürs Nichtaufgeben, Nichtgehenlassen, NichtdenMutverlieren.

Ich bin jetzt angekommen, an dem Punkt, an dem ich Bleiben werde.

150617

Gemeinsam

Wenn nichts bleibt, ausser einer einzigen Gewissheit. Dann bist das Du. Wir können uns lesen, wir können uns verstehen, wir können schweigen. Und sind doch nicht allein dabei.

Wir haben nichts und doch alles, denn wir haben ja uns. Wir brauchen mehr – mehr Geld, mehr Zeit, mehr Lebensfreude. Und Stück für Stück ergattern wir uns jeden Bissen dieser Kostbarkeiten.

Gemeinsam laufen wir diesen Weg. Gemeinsam erklimmen wir diesen sich stetig auftürmenden Berg der Chancenlosigkeit. Du gehst mit mir und ich, ich gehe mit dir.

Das Alleinsein macht jetzt nichts mehr aus. Die Stille schadet meinem Herzen nicht mehr. Das Vertrauen ist zurück, wenn ich an meinem Hals entlang spüre, dass du immer bei mir bist.

Wir haben alles und doch nichts, denn wir brauchen gar nicht so viel, wie man uns vormacht. Und das Nichts macht uns zu den besseren Menschen, die wir einander schenken.

Wenn sich alles viel zu schnell dreht, ausser ein einziger Funke von Freundschaft. Dann bist das Du. Wir können schaffen, wir können uns vertrauen, wir können hoffen. Und sind gemeinsam.

Was bleibt, ist der schöne Moment, der immer wieder kommt. Der immer auftaucht, wenn wir das Gleiche denken, die gleichen Emotionen teilen, wenn wir wie aus einem Stück in Zwei sind.

Das ist Familie. Und das bist Du für mich.

260517

Mit mir selbst

Es wäre ein schönes Gefühl, wenn ich mich mögen würde. Wenn ich wirklich wüsste, wer ich bin. Es wäre beeindruckend zu sehen, dass ich ein guter Mensch bin. Nur, wer ist das schon? Es gibt nichts Gutes, sagte mal einer. Ich glaube, er hatte Recht. In mir türmen sich die Gedanken, die Zweifel bäumen sich auf – ein Selbsthass, weil ich mich so liebe, wie ich wirklich bin. Verworren. Gebrochen. Geflickt. Neu auferstanden. Und tief im Innern, ja immer noch ich selbst. Das lässt mich grinsen, verschmitzt und unbetrübt. Aber ich fühle nichts.

Ich habe manche Sehnsucht, aber bin eigentlich glücklich. Ich brauche nicht mehr; mehr von Kram und Zeug. Ich bin zufrieden, wenn man das überhaupt sein kann. Doch der ganze Dreck innen drin, der verrottet einfach weiter. Noch mehr, was ich dazustellen kann, und ich finde mich selbst nicht mehr wieder. Und es kommt immer mehr. Ich stapel es oben auf, mit jedem Tag.

Trotzdem. Ich grinse. Das ist mein Naturell, das bin nun einmal ich. Ich freue mich über mein Chaos, meine absolute Wüsterei, in mir drin nichts als Staub und Dreck und Schutt und Asche, ein alter Brennofen; ich hoffe, auch das geht wieder irgendwann vorbei. Wie eine uralte Seele, die alles auf sich nimmt, die immer höher Baut mit all dem Dreck. Ich liebe mein Leben, noch immer.

Ich weiss, es ist nicht richtig und ich weiss auch nicht, wieso ich weiter stapel und weiter baue. Ich könnte aufhören und aufräumen, ich könnte alles ansehen und verstehen: das bist du, genau Du. Aber ich habe viel zu grosse Angst mit mir selbst zu sein. Darum hole ich immer mehr Dreck und Staub und Ballast rein, den ich oben drauf türme. Vielleicht fällt bald alles zusammen und alles kracht ein.

Selbst der Gedanke lässt mich nicht aufhören zu grinsen. Freude. Ein tiefes Atmen. Ich kann das schon, so schwer wird’s nicht sein. Ich räume auf, Scherben zu Scherben, Dreck zu Dreck und vielleicht finde ich ja noch einen ganz kleinen, ganz winzigen unbeschadeten Fleck und den nehme ich dann und stülpe ein sauberes Glas darüber. Ich bewahre ihn. Um mit mir selbst im Reinen zu sein.

140517