Tyrannus Saurus Ex

Es ist keine Kleinigkeit, wenn man sich scheiden lässt. Es ist nicht das kleine bisschen Vernunft, was den anderen dann überzeugen würde, nett zu bleiben. Menschlichkeit und einstige Zuneigung wandeln sich in Unverständnis und Intoleranz. Dein geglaubtes Gegenstück dreht dir den Rücken zu und geht. Gott sei dank!

Denn der Gehende, der bin ich. Ich will, dass es aufhört. Denn das, was da war, kann man eigentlich kaum in Worte fassen. Erträglich war es nur an den Tagen, an denen ich meiner Einsamkeit gewiss war – vor allem der physischen. Ertragen kann das niemand.

Mit manchen Worten habe ich gelogen, mit manchen Blicken wohl auch. Ich weiss nicht, ob ich es wirklich so gut rüberbrachte; aber dass es bis zum Ende nicht offenbar wurde, bleibt mir ein Rätsel. Ich bin ein verdammt schlechter Lügner. Die einzige Lüge, die funktioniert, ist eine Geschichte, deren Wahrheit ich mir ausmale. So hat mein Leben immer funktioniert, ich drehe die Wirklichkeiten so, dass sie für mich wahr und gut sind. Meine eigene Realität. Wie in einem immerwährenden Traum, in dem man nicht mehr aufhört, sich zu drehen.

Dieser Traum wurde zum Albtraum. Keine Ruhe, kein Raum für Gedanken und für das Echte, was sonst aus meiner Seele sprechen muss und auszubrechen versucht. Tagtäglich, quälend, lähmend stampfte er mir seinen Stumpfsinn ein. Abgeklärt und kalt, wie ein Stein, wie ein Riese, der sich vor mir aufbaut. Meine Aussichten waren getrübt, meine Hoffnung lag im Nebel – vor meiner Zukunft verschloss ich lieber die Augen, als ihr entgegen zu eifern. Tragik! Und immer wieder, das Leben.

Dieser Riese, der da stand, nahm mir meine ganze Kraft. Er saugte sie auf und verdarb mich dafür. Er verdarb mich für alles Leben, das ich in mir hatte; für all die Liebe, die ich spüren konnte; für all die Güte, die ich in jedem Menschen zu sehen pflegte. Und er machte mich grau. Farblos. Trist.

Mit seinen dumpfen Tönen und Klängen, seiner Unbedarftheit und der schlichten Uneleganz; seiner Art sich in alles einzumischen, was ihn angeblich nicht interessierte – ohne Feingefühl, ohne eigene Existenz – all das zertrieb mein Innerstes und machte mich leer. Er stahl all die Farben. Er stahl jeden Sinn.

Endlich kann ich darüber lachen, weil ich wieder lachen kann. Und ich kann mich darüber freuen, dass ich wieder ich sein kann. Ohne Groll und ohne Gram, ich gehe es jetzt nochmal von vorne an. Das mit dem Leben, das ist zum Glück geblieben. Denn eigentlich hatte ich nie dieses innerlich zerreissende Gefühl, nicht genug zu haben; nicht genug zu verdienen; das zermürbende Gefühl der Unvollständigkeit. Ich kenne es nicht, auch wenn ich es jetzt sehr lange sah. Es muss anstrengend sein, mit sich selbst zu leben, als er.

Aber glücklicherweise, ich klatsche in meine Hände, ich lächle breit und vergnügt. Ich strecke mich und bin gross und frei und farbenfroh. Und ich schicke ihn zurück in ein Land vor unserer Zeit, meinen Tyrannus Saurus Ex.

140517

Es passiert

Es gibt keine Logik. Das wird dir dann klar, wenn die Scheissrealität wieder beginnt zu schwimmen.

Aus jedem Plan wird ein geknüllter Papierball und du wirfst einfach alles über den Haufen, weil du gar nicht anders willst und gar nicht anders kannst.

Die Misere deiner Zeit ist, dass nur die anderen Krisen haben und es dir gut geht. Euch allen.

Du akzeptierst, dass du ein moralisch verwerflich handelnder Mensch bist. Und zum ersten Mal scheint dir Kästner so nah und auch so fern zugleich, denn du tust es ja – das Gute, was für dich wenigstens gut ist.

Der Rest passiert sowieso. Oder auch nicht.

Du bist anders und schwimmst mit dem Strom, in dem alle anders sind und keiner gleich. Und doch will jeder dasselbe und jeder zieht ganz eigennützig seine Schlüsse zum Besten des eigenen Gefühls.

Ihr habt keine Probleme, also erschafft ihr welche. Server down. Abgebrochener Fingernagel. Kein CSI:Miami, weil die Arbeit länger dauert und der Recorder nicht eingestellt war. Die Tragik der Moderne überwindet jede Logik.

Und die Beziehungen, die du führst, werden immer unlogischer. Glück ist eine Farce, weil sich das alles nur in deinem Kopf abspielt. Betrachtest du die zweite Seite der Medaille, geht es dir nicht beschissen. Du hast ein Bett und genug zu fressen, was beschwerst du dich.

Der Rest passiert sowieso. Oder auch nicht.

Und dann sitzt du da, jeden Tag. Jeden Abend. Und fragst dich nicht einmal mehr, wohin es dich geführt hat. Keine Moral und keine Logik. Nur schemenhafte Schatten, von denen, die wir glauben zu sein.

Dann nimmst du deine kleine Maschine und tippst ein paar Worte, machst daraus Zeilen, lässt sie ein paar Minuten zappeln und verweilen. Dann drückst du „Senden“ und schickst sie ab.

Wer sie liest, wird niemals jemand erfahren. Auch der Inhalt bleibt der Welt verborgen.

Ich verrate es. Na angeschaut habe ich dich. Wusste nicht wie reagieren im ersten Moment. Ich mag deine Küsse.

Phrasen und Worte, tickerticker und ein Aufleuchten. Von kleinen Ioden und von Augen. Augenblicken. Gedankenfetzen und Erinnerungsstückchen. An einen längst vergessenen Traum.

Zuhause fühlen

Ich sitze im blauen Bus, gleich neben dir. Das Radio ist an, die Melodie erklingt und mein Lächeln wird immer breiter. Du schaust zu mir rueber und siehst all das Glück in meinem Gesicht, das Funkeln in meinen Augen. Der Traum ist jetzt wahr. Wir fahren auf der weiten Straße in Richtung Horizont. Wir fahren und fahren und es ist einfach das absolute Gefühl von Freiheit und Glück. Meine Füsse auf den Amaturen tänzeln im Takt, ich pfeife das Lied und der warme Wind durchs Fenster zerzaust mein Haar. Es macht mir nichts, denn es passt zu dem weissen, luftigen Sommerkleid, dass leicht auf meinem Koerper liegt. Dein Grinsen verrät mir, dass du glücklich bist. Keine Sorgen, kein Morgen – nur der  Moment, wir zwei gegen den Rest der Welt. Was kann schon passieren? Du fährst ran und hältst, drehst das Radio furchtbar laut und nimmst mich an der Hand mit raus. Wir klettern auf das Dach vom Bus und tanzen mit Blick in die untergehende, warme Sonne.

Und tanzend, völlig losgelöst, wie ich hüpfe und springe, wie Schwerelosigkeit, und plötzlich deine Hand in meinem Haar, streicht es mir aus dem Gesicht und der durchdringende Blick deiner Augen, dann dein sanfter Kuss –

Irgendwo im Nirgendwo, eine Straße, die nicht endet, und trotzallem, wo auch immer:

ES FüHLT SICH WIE ZU HAUSE AN.

[ zu – Edward Sharpe & The Magnetic Zeros –]

100711

An der Tränke

An diesem Morgen ist es warm und lau, die Sonne schickt ihre ersten Strahlen heraus. Der Wind trägt die leichten Wolken durch den Himmel. Und der Himmel dazwischen, zwischen den Wolken, er ist noch rosa und wird langsam zu blau. Ich sitze am Fenster und blase den Rauch aus meinen Lungen hinaus. Es wird ein schöner Tag. Ich huste kurz, an der ersten Zigarette ist es meist schlimm. Dann verstumme ich, höre ein paar kleine Vögel und dann zerschellt schrill eine Bierflasche und ich höre das Gröhlen eines Penners im Bogengang vorn an der Kreuzung. Der Samstag beginnt.

Ich ziehe mich an, vom Morgentau ist mir noch frisch. Alles steht und legt sich mit den Kleidern auf meiner Haut wieder nieder. Heute ist es blau. Der Tag beginnt schleppend, niemals stehe ich sonst so früh schon auf. Aber heute muss ich dorthin. Ich muss es sehen und spüren, ich will es atmen und eins werden. Ich schreibe einen Zettel „bin spazieren“ und sage Bescheid, sodass trotzdem niemand weiss, wo ich bin. Niemand würde fragen. Alles ist so einfach und alles ist so leicht. Der Kater von gestern Nacht verfliegt mit jedem Stück des trockenen Brots, den grössten Teil habe ich auch vor dem Schlafen schon weggebracht. Es war eine reichlich versiffte Nacht, wir tranken und kotzten, wir lachten, wir weinten; alles in allem ein ruhiger Freitag. Und jetzt stehe ich schon in der Küche, noch eine Zigarette, zwei Schluck vom kalten Kaffee. Ich nehme die zerlotterte Tasche und schwinge sie mir um, schlüpfe in die ausgelatschen Schuhe und laufe raus aus dem Haus. Im Flur riechts nach Gras und ich weiss schon, dass die oben in ihrem Wahn liegen. Die Katze kommt mir entgegen, völlig entgeistert – klar, um die Uhrzeit komm ich sonst nach Hause. Jetzt gehe ich schon los. Verkehrte Welt. Aber heute muss ich unbedingt dorthin.

Ich gehe raus und sehe eine neue Welt, die ich nicht kenne. Andere Uhrzeit, anderes Leben. So viele Menschen, die emsig einen Tag bestreiten, der für mich fast ausschliesslich im Bett ausgetragen wird. Tante Erika, die jeder so nennt, und niemand mit ihr verwandt ist, schiebt mit ihrem Fahrrad vorbei, auf dem Weg zum Markt. Franky radelt, den Kopf chronisch seitlich geneigt, an mir vorüber und nickt mir ein Guten Morgen zu. Ich schaue mich um. Hamster steht gegenüber an seinem Eck und sammelt die Bierflaschen auf, die letzte Nacht liegen geblieben waren. Er ist ein liederlicher Kerl, mit dem ich mich niemals anlegen wollte. Ich kann ihn kaum grüssen, weil er mir unnahbar gegenüber tritt – nur ein falscher Blick würde vermutlich reichen. Meine Schuld waren gebrochene Herzen von irgendwelchen Bekannten. Und ich stehe hier, sehe dem Treiben zu und will nur wieder hoch und mich verkriechen. Aber heute nicht. Ich habe ja ein Ziel.

Ich entscheide mich nach links zu gehen, erstmal runter zur Pennerbank. Ich bin erstaunt, denn unten am Übergang zum grossen Fluss bekommt der Name heute doch zum ersten Mal eine ehrwürdige Bedeutung: sie schlafen wirklich dort. Es war auch lau heut Nacht. Der Sommer meinte es gut mit ihnen. Sie stinken und sind dreckig und haben klebrige Haut und tiefschwarze Fingernägel. Ich grüsse, sie schauen nicht mal hoch. Der Rausch vom Freitag hängt ihnen nach. Ich überquere also gewohnt die Schleusenbrücke und sehe schon die Weite der Wiesen und den kleinen Deich. Das Bootshaus links und ansonsten nur Wiesen und Bäume und Grün, so satt und kräftig, verbunden mit dem frischen Morgen; meine ganz neue Welt. Ich laufe, in meinem natürlichen Schritt, ich werde schneller und bin freudig erregt. Ich gehe auf die Bäume zu, ich laufe auf dem Deich; Schritte, die ich schon hunderte Male gegangen war. Und trotzdem war es so anders. Ich sehe rechts ab die Badestelle jener entlegener Sommer, die wir schon hinter uns hatten. Manch einer ertrank darin, manch einer verliebte sich in anderen Nächten. Manchmal lagen wir wie die Maikäfer auf dem Rücken und ergötzten uns an der Schönheit der Nacht und der Unmöglichkeit nach der ganzen Flasche noch auf die Beine zu kommen. Wir waren völlig verloren. Ich laufe weiter und schiebe die Erinnerungen beiseite. Die Bäume rauschen im Wind und der Fluss prescht links vorbei. Ich liebe dieses Fleckchen Erde. Und schon so viele der Grossen wussten ihre hiesigen Wanderungen zu Papier zu bringen. Ich bin kein Fontane, aber immerhin fühle ich diesen Moment so echt und klar und grossartig, dass mir nicht mal der restliche Alkohol zusetzt. Also laufe ich. Beim Versuch so wunderbar tief zu atmen, muss ich leider meinem Raucherhusten den Vortritt lassen und kotze nochmal fast. Aber ich beruhige mich zum Glück wieder, niemand kam vorbei. Ich laufe bei Onkel Tom runter vom Deich und nehm die Abkürzung quer durch die Wiese. Ich habe ja mein Ziel. Noch ein paar Meter mehr, noch ein Stückchen weiter. Den Weiher kann man kaum noch sehen und die Stadt wirkt jetzt so gleich und fernab. Ich fühle mich so gut, denn hier wird niemand sein. Niemals. Und grade aus, ich gehe darauf zu. Ich sehe die grosse Weide stehen, ungestüm spendet sie Schatten, den ich heute unbedingt brauche. Ich klettere über die Eisenstreben und schlüpfe hinein auf mein kleines Stückchen behutsamen Landes. Und hinten an der Ecke, kurz vor Schluss, links vom Baum, da steht sie. Verrostet und unbrauchbar, eine alte Badewanne. Sie diente einst als Tränke, als hier noch Kühe standen. Niemand braucht sie jetzt, niemand kennt ihren Nutzen. Und niemand kommt her, um nochmal nachzusehen, ob sie noch ist. Ich lege mich auf den abschüssigen Hang unter der Weide. Die Tränke im Rücken, das weite Feld vor mir. Ich denke an Vater Briest und sein weites Feld. Das muss er gemeint haben, als er nicht mehr zu erklären im Stande war, was seiner Tochter für Fragen kamen. Ich liege hier im Gras, es duftet nach trockenem Sommer und aufgehendem Morgen. Der Tag ist jung. Ich wünschte, ich würde ewig sein. Ich zünde eine Kippe an und ziehe ein paar schnelle Züge, drücke sie aus und schnippe sie weg. Die Weide steht unverändert und ihre rauschenden Äste und Blätter singen ein Lied und beschützen mich hier in der Abgeschiedenheit. Mein liebster Ort. Hier begrabe ich all meine Träume, hier lasse ich alles zurück.

060417

Ein Elefant im Meer

Gross und unbehaglich erfüllen mich Gedanken. Keine Ahnung woher die wieder kommen. Und ich weiss auch nicht, wohin die eigentlich wollen. Aber sie sitzen hier, wie ein Affe auf der Schulter; schauen nach links und rechts, werfen mit Fragen um sich. Dann seh ich all die andern, die Menschen, wie sie regungslos vor sich hin starren. Und pralle Beine quellen aus zerrissenen Stretch-Jeans. Es dudelt leise Musik aus zu laut aufgedrehten Kopfhörern. Eine Oma blättert ohne jeglichen Rhythmus in einer Zeitung. Wir rollen einheitlich gelähmt in Richtung Stadt. Ich sehe keine Gesichter, ich sehe nur Augen. Paarweise sehen sie ins Nichts, aus den verdreckten Fenstern, auf den versifften Boden, beschmiert mit unerklärlichen Flüssigkeiten und Kaffee und Cola. Ein paar Sonnenstrahlen fallen engelsgleich durch die wenig durchlässigen Scheiben hinein, bestrahlen Schösse und Schritte, einer zieht gleich das Rollo runter. Zu viel Licht zeigt halt auch den ganzen Dreck ganz offenbar. Ganz klar. Und wunderbar erheitert ziehen sich meine Mundwinkel leicht nach oben. Nichts ist passiert, gar nichts geschehen. Doch ich weiss schon, gleich werde ich mich erheben von diesem miefenden Platz mit den tausend Menschen. Ich werd aufstehen, werd rausgehen. Und dann stehst da du. Mein Herz flattert nahezu. Was soll der Scheiss? Ich finde mich in einem Zug wieder, der stinkt wie ein Zoo. Menschen rattern wie im Tiertransport von A nach B und keiner sagt ein Wort. Eine so klangvoll laute Stille, dass dir die Ohren platzen. Getuschel und manchmal ein Schrei, wie im Irrenhaus, manchmal Kinderlachen, manchmal einfach nur Sein. Mancher Vater beschwert sich bei seinem Sohn über die dreckigen Schuhe, die er trägt. Eine Nonne steht von Angesicht zu Angesicht mit einem, dessen Haare hochgestellt und kunterbunt sind, dessen Gesicht so viel Metall trägt, und doch lerne ich hier die wahre Menschlichkeit. Zwei Gesichter. Zwei lächeln. Der Familienvater wirkt verstört darauf. Mir ist es scheissegal. Ich hoffe, das Kind hört auf zu schreien, es übertrifft jeden ertragbaren Ton um Längen. Meine Nerven sind zum Bärsten gespannt, meine Hoffnung erblüht, wie die Narzissen im Frühling. Ein Sonnenstrahl verschluckt meine Ungeduld und wandelt sie in Schamesröte. Die Vorstellung, gleich in deinen Armen zu versinken, treibt es heiss in mir hoch. Was denke ich nur? Das Leben ist echt eine Farce, kein Weg führt an irgendetwas vorbei. Wir leben genau das, was für uns gemacht ist. Alles fügt sich. Alles rügt mich. Karma ist ein Arschloch, aber das spüren vor allem die anderen. Ich bin dankbar. Ich bin klar. Und ich sehe plötzlich, beim Anblick der nahstehenden und vorbeirasend verschwimmenden Bäume: ich bin unverzeihlich. Ich merke unvergesslich. Wie ein Elefant im Meer. Ich komme nicht weiter, ich hänge fest und bin riesengross. Es übermannt mich fast, doch schwimmen kann ich nicht für immer. Und ich sinke und ertrinke. Fast hoffnungslos und ohne Chance, ich treibe so dahin. Und Mitten in diesem Nichts, wir halten an. Ich setze einen Fuss vor den anderen und plötzlich, ich stehe am Bahnsteig und blicke um mich. Links und rechts, der Affe ist verschwunden. Die Anzeige klickt, Menschen rasen an mir vorbei. Ich nehme den Moment und schaue in mich hinein, blicke nach unten, auf mein Köfferchen, meine Schuh. Ich halte mich nochmal ganz stark fest, drücke die Augen zu und hoffe. Ich öffne die Augen wieder, langsam, vorsichtig – blicke um mich und schon stehst da du. Dein Lächeln rettet mich. Deine Arme ziehen mich aus dem Meer. Und ich höre auf ein Elefant zu sein und ich erinnere mich auch nicht mehr, was mich dazu machte. In deinen Armen, schenkst mir dein Lächeln, gibst mir dein Wort. Klar, alle Sorgen und Ängste, sie fliegen fort und der Zug hinter mir, er nimmt sie einfach mit sich mit. Ich bin jetzt nur noch froh, dass es dich gibt. Denn gegen jede Wahrscheinlichkeit verfalle ich dann doch wieder in diese hoffnungslose, erblindende Romantik. Aber was solls schon, ich entschuldige mich nicht mehr dafür, so zu sein, wie ich bin. Nimm mich und nimm es halt so hin! denk ich still bei mir, als ich mich wieder und wieder in deinen Augen verlier. Und verloren hab ich eigentlich nichts, ausser die Angst vorm Ertrinken. Die ist verflogen und hat den Elefanten mitgenommen.

050417

Selbstzerstörung

Alles passiert, obwohl sie es so viel besser weiss. Alles passiert, und die ganze Scheisse dreht sich doch nur wieder um das Gleiche. Keine Ahnung, woher sie das nimmt, keine Ahnung, wohin sie das zu führen glaubt. Aber der Weg endet wieder im Chaos und verläuft sich im Sand. Sie glaubt an ein verdammtes Glück, dass es für sie ja doch nicht gibt. Nur in diesem einen echten Moment. Doch den zu erleben, stellt sie sich ins  Feuer und lässt sich beschiessen, mit all diesen Dramen und Tragödien in ihrem Kopf; sieht nichts ausser Nacht und wartet darauf, dass er sie herausholt. Unvernunft gesellt sich zu all ihren Träumen, von Logik keine Spur und ohne es abzusprechen: sie lebt plötzlich in diese Blase, in ihrem Traum; sie fällt vom Rand der Welt für das grosse Nichts, das ihr Niemand versprochen hat. Sie merkt mehr und mehr, sie zieht es wieder an, sie macht sich charmant und unwiderstehlich; sie lockt mit Botenstoffen und ihrem ganzen Körper und niemand sieht ihre Seele, sieht ihr Herz. Sie denkt sich, so eine Scheisse wieder, woher soll ich wissen was echt ist und was nicht? Und verlangen kann sie nichts und vertrauen kann sie nicht mal sich selbst, reitet sie sich immer wieder genau bis hierhin und kommt dann nicht weiter mit ihrem gefühlsüberladenen Herz. Alle Worte fliegen durch ihr Hirn, in Dunkelheit ergibt sich nur die Tragik der Situation wieder. Er schreibt und schreibt nicht; er lag die Nacht sicher in einem anderen Bett und sie kann es ihm nicht mal verübeln, haben sie doch gar keine Abmachungen getroffen. Und doch traktiert es sie unaufhörlich mit einer neckischen Ironie im Hinterkopf: du lässt wieder alles steh’n und liegen, weisst deine Typen ab und verzichtest auf jede Berührung und jeden Sex, weil du dir wirklich einbildest, dass das irgendwo hinführen kann – mit den vielen Kilometern zwischen ihnen, mit den vielen Steinen, die dort schon in den Weg gestapelt wurden. Und all diese blöden Hoffnungen und Traumbilder hält sie aufrecht und hält sie hoch, weit über sich und weit über den doch so wichtigen Dingen, die sie sich vorgenommen hat. Verblödet von ihrem Gefühl macht sie die Nacht zum Tag und hängt da, mit ihm, in Schriftform und ohne jegliche Ahnung von seiner Echtheit. Sie vertraut ihrem komischen Bauchgefühl, sie glaubt zu wissen, was es ist; sie glaubt zu fühlen, egal der Kilometer, egal der reellen Begegnung: sie glaubt und das reicht ihr schon aus für grosse Tränen, für grosse Worte; für irgendeine beknackte Gewissheit über diesen ihr unbekannten Geliebten. Und es bringt nichts, sich dagegen zu sträuben, sie ist dem ganzen Zeug einfach erlegen, wie ein zerbrechliches Reh. Sie erliegt ihren eigenen Phantasien über einen Menschen, den sie nie traf. Sie erliegt dem Gefühl, dass sie sich mit diesem Mann wünscht. Und läuft wieder wie in eine Kettensäge, die sie  auseinanderreisst, wenn sie die Realität endlich sieht und alle Hoffnungen über den Haufen schmeissen muss; weil das Idealbild irreführt und weil es doch nie in echt in Erscheinung treten kann. Wie ein Wahn rennt sie diesem Bild hinterher und hüllt sich in Tränen, wenn es sich nicht erfüllt. Scheiss Gefühle, denkt sie sich. Scheiss Schmetterlinge und scheiss Frühling. Aber so beschissen findet sie es gar nicht, und will ihn trotzdem treffen und dreht jede Unwahrscheinlichkeit in Normalität. Selbstzerstörerisch, wie sie eben ist, nimmt sie diese grossen Gedanken auf sich und begibt sich endlich in den Zug, der zu ihm führt. Ihr Herz springt fast aus dem Fenster, als sie in den erhabenen Bahnhof einfährt, in dem erwartete Gefühle wartend stehen und sie aus dem Zug gehen sehen, ihr eine Hand reichen und sie sofort in die Arme schliessen und ihr diesen einen, echten Moment schenken, der schon längst ausreicht um ihre unsinnigen Gefühle zu erwidern. Und sie hatte gehofft, dass es nicht so wird; dass es einfach ganz anders ist, das es keine grossen Gefühle bestätigt und gar nicht funkelnd und glitzernd ein Traumschloss aufgebaut werden kann. Einfach, damit es einfach erledigt ist; damit keine weiteren Hoffnungen gebaut und zerstört werden können. Sie ist schon so kaputt und sie ist schon so durch mit allem und trotzdem glaubt sie immer noch an dieses Konzept von der Liebe und dem Glück, ich meine, im Ernst jetzt – wie kann sie das eigentlich, nach all der anderen Scheisse? Und doch, sie hängt nun da und fühlt es und weiss es schon, dass der Abschied in den nächsten Tagen schlimmer wird, als die ganze doofe Warterei zu diesem Augenblick es war. Und sie ärgert sich. Warum hört sie nicht einmal auf die Vernunft, nicht zu fahren, nicht zu lieben, nicht alles wissen zu müssen, sondern einfach aufzuhören, wenn der Moment einmal schön ist? Nein. Und, überlegt sie sich, für ihn ist das alles nur ein furchtbar heisses Abenteuer, eine klassische Affaire, weil die Umstände beschissen sind und es auch nicht besonders viel Sinn macht, mit den hunderten von Kilometern und den ganzen anderen Felsen, die mittlerweile im Weg liegen. Die Unwahrscheinlichkeit winkt ihm zu und tapeziert sein Herz; sie lässt für ihn eine Ruhe einkehren, die sich nur auf ihren Körper konzentrieren kann; ohne das mulmige Gefühl im Bauch, was sie so sehr quält. Die Liebe ist wie ein Furz, man hofft immer, dass es endlich kommt und wenn es da ist, soll es schneller verfliegen; weil es am Ende eigentlich nicht so schön ist, wie man es sich vorgestellt hat. Er weiss das und geniesst den Moment, jeden Moment, nicht nur mit ihr. Und sie, trotz der Warnungen, trotz der Zeichen, trotz ihrer eigenen Worte, die monatelang sagten „Sei dir nur selbst wichtig“ – all dem zum Trotze, sie schmeisst sich voll rein und lässt sich nicht davon abbringen, zu leiden für dieses unnötige Gefühl.

Und da steht sie nun, fast eine Träne im Auge, obwohl es grad mal die Begrüssung ist.

020417 

Massgeschneidert

In einer klaren Winternacht, da hat sich ihr Weltenbild völlig gedreht und sie hat es allen Ernstes vollbracht, sich selbst so zu verraten, dass ein Schritt zurück keinen Unterschied mehr machte. Eine klare Winternacht vor diesen Jahren und viele Worte, viele Fragen, und eigentlich sprach sie sie nicht für sich und doch brachte sie sie hervor – und sie erklungen in des anderen Ohr. Es schmerzte ihr, es tat so weh, denn niemals verlor sie sich in einem Streit mit ebendiesem, denn mehr als Liebe konnte sie ihm nie antun und nun und nun – nun sprach sie und sie schrie förmlich, etwas, was sie von sich selbst nicht kannte und an sich auch nicht mochte, denn das tat ja nur der Hundsverlochte. Und doch, so stand sie da, wie in einem Wahn und schrie die andere Hälfte an, schob Schuld und Lasten hin und her, wollte doch eigentlich nur raus und fort; sie wollte gar nicht mehr. Sie erkannte sich selbst nicht mehr und ihr wurde das Herz so schwer, nie hatte sie diese Hälfte so verletzt und sich selbst damit gleich in einen unmöglich verbauten Ausweg gesetzt. Keine Flucht war mehr zu denken, kein Entkommen aus diesen Wänden und Gelenken. Wie gefangen sass sie da, tränenüberströmt und arm, klein und zu tiefst betroffen, flüchtete sich in Träume, die sich real anfühlten und fing irgendwohin an zu hoffen, dass dies einmal ein Ende haben würde – nahm aber doch nicht den Mut, überwand nicht diese überflüssige und aufgebürdete Hürde. Sie sagte sich selbst, dass würde er ihr nie verzeihen, denn ihre Worte waren nicht alle wahr und gar und ach auch nicht so schlimm, doch der Eine drehte alles so, wie er es für sich Nutzen machte, alles in seinem Sinn. Früher, dachte sie, sagte einmal eine Frau zu mir „Du bist ein schönes Kind, und nicht dein Haar und deine Augen, nicht die Hüften oder deine Lippen sind hiermit gemeint; nein, du bist ein schöner Mensch, denn von innen her strahlt da ein ganz besonderer Schein“. Und sie dachte daran und fühlte diese Worte, die sie erst heute verstand – als sie nicht mehr schön war, kein schöner Mensch hätte je so gesprochen und geschrien und es wunderte sie nicht, wurde ihr nicht verziehn. Seither versucht sie, ihre Schönheit wieder zu finden; das innere Strahlen zurück zu gewinnen, und Worte fallen ihr so schwer, wie immer schon; das ist die ganze Wahrheit und ein einziger Hohn. Der Eine nutzte das aus und provozierte das Geschrei, dass der anderen Hälfte so zusetzte, damit sie sie und sich selbst damit dermassen verletzte, dass sie nicht mehr gehen konnte – denn er machte ihr wissen, dass sie nur ihn hatte und niemand anderen. Und sie verharrte und erstarrte, sie versuchte nichts und blieb stumm stehen und wusste klar: Wohin sollte ich auch gehen? Niemand würde mich verstehen, niemand wird mir je verzeihen. Also muss ich mich fügen und in mein nun gewähltes Schicksal einreihen. Er machte sie sich massgeschneidert, wie einen Anzug, und sie trug ihre Maske, die sie erdrückend fand und abgrundtief hasste. Wie konnte einer, der die wahre Schönheit in ihr erkannte, nur diese Maske lieben; wie konnte er zulassen, dass sich all die zahlreich und bunten Facetten in ihr zu einem Grau vertrieben? Jede Phantasie wich der Struktur und jedes Lachen quälte sie denn nur, sie wusste nicht einmal warum sie sich dem hingab, doch irgendwann führte alles nur noch bergab und weiter und weiter in die Scheisse rein, sie konnte nicht mehr zurück gehen und wusste nicht mehr, wie sie selbst zu sein.

290317