Massgeschneidert

In einer klaren Winternacht, da hat sich ihr Weltenbild völlig gedreht und sie hat es allen Ernstes vollbracht, sich selbst so zu verraten, dass ein Schritt zurück keinen Unterschied mehr machte. Eine klare Winternacht vor diesen Jahren und viele Worte, viele Fragen, und eigentlich sprach sie sie nicht für sich und doch brachte sie sie hervor – und sie erklungen in des anderen Ohr. Es schmerzte ihr, es tat so weh, denn niemals verlor sie sich in einem Streit mit ebendiesem, denn mehr als Liebe konnte sie ihm nie antun und nun und nun – nun sprach sie und sie schrie förmlich, etwas, was sie von sich selbst nicht kannte und an sich auch nicht mochte, denn das tat ja nur der Hundsverlochte. Und doch, so stand sie da, wie in einem Wahn und schrie die andere Hälfte an, schob Schuld und Lasten hin und her, wollte doch eigentlich nur raus und fort; sie wollte gar nicht mehr. Sie erkannte sich selbst nicht mehr und ihr wurde das Herz so schwer, nie hatte sie diese Hälfte so verletzt und sich selbst damit gleich in einen unmöglich verbauten Ausweg gesetzt. Keine Flucht war mehr zu denken, kein Entkommen aus diesen Wänden und Gelenken. Wie gefangen sass sie da, tränenüberströmt und arm, klein und zu tiefst betroffen, flüchtete sich in Träume, die sich real anfühlten und fing irgendwohin an zu hoffen, dass dies einmal ein Ende haben würde – nahm aber doch nicht den Mut, überwand nicht diese überflüssige und aufgebürdete Hürde. Sie sagte sich selbst, dass würde er ihr nie verzeihen, denn ihre Worte waren nicht alle wahr und gar und ach auch nicht so schlimm, doch der Eine drehte alles so, wie er es für sich Nutzen machte, alles in seinem Sinn. Früher, dachte sie, sagte einmal eine Frau zu mir „Du bist ein schönes Kind, und nicht dein Haar und deine Augen, nicht die Hüften oder deine Lippen sind hiermit gemeint; nein, du bist ein schöner Mensch, denn von innen her strahlt da ein ganz besonderer Schein“. Und sie dachte daran und fühlte diese Worte, die sie erst heute verstand – als sie nicht mehr schön war, kein schöner Mensch hätte je so gesprochen und geschrien und es wunderte sie nicht, wurde ihr nicht verziehn. Seither versucht sie, ihre Schönheit wieder zu finden; das innere Strahlen zurück zu gewinnen, und Worte fallen ihr so schwer, wie immer schon; das ist die ganze Wahrheit und ein einziger Hohn. Der Eine nutzte das aus und provozierte das Geschrei, dass der anderen Hälfte so zusetzte, damit sie sie und sich selbst damit dermassen verletzte, dass sie nicht mehr gehen konnte – denn er machte ihr wissen, dass sie nur ihn hatte und niemand anderen. Und sie verharrte und erstarrte, sie versuchte nichts und blieb stumm stehen und wusste klar: Wohin sollte ich auch gehen? Niemand würde mich verstehen, niemand wird mir je verzeihen. Also muss ich mich fügen und in mein nun gewähltes Schicksal einreihen. Er machte sie sich massgeschneidert, wie einen Anzug, und sie trug ihre Maske, die sie erdrückend fand und abgrundtief hasste. Wie konnte einer, der die wahre Schönheit in ihr erkannte, nur diese Maske lieben; wie konnte er zulassen, dass sich all die zahlreich und bunten Facetten in ihr zu einem Grau vertrieben? Jede Phantasie wich der Struktur und jedes Lachen quälte sie denn nur, sie wusste nicht einmal warum sie sich dem hingab, doch irgendwann führte alles nur noch bergab und weiter und weiter in die Scheisse rein, sie konnte nicht mehr zurück gehen und wusste nicht mehr, wie sie selbst zu sein.

290317

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