Freier Fall

Der letzte Gedanke, den ich hatte war: Spring einfach! Danach gab es nur noch mich und das Gefühl des unendlich tiefen Fallens. Alles war so leicht, alles war so leer; kein böser Gedanke und keine Ängste mehr. Ich hatte verziehen, mir und dir, ihm und ihr. Die Leichtigkeit umgab meine Seele und mein Sein, mein Gewissen war federleicht und rein. Natürlich kannte ich das Ende schon, ich hatte es ja kommen sehen, vor mir lag die Unendlichkeit und hinter mir zu viel vergeudete Zeit. Goldene Brücken hätte ich bauen sollen, die mich zu der Person führten, die ich hätte werden wollen. Doch alles was es gab, war Asche und Staub, ein gebranntes Kind, das die Hände nicht vom Herd lassen kann, obwohl der noch immer leuchtet und glimmt. Das Fallen machte es leichter, der Sprung kam aus dem plötzlichen Jetzt und wurde zur Endlosigkeit eines ewigen Strudels an Gedanken. Freiheit hätte sich anders anfühlen sollen, Freiheit in dieser Form sollte federleicht sein. Die Gewissheit darüber, dass ich nach unten fiel, anstatt nach oben zu fliegen, gab mir wenigstens die Bestätigung meiner einst infrage gestellten Missetaten – Ich weiss es schon lange, ich weiss, es machte schon einige Zeit keinen besonderen Sinn mehr. Das mit dem Glücklichsein war auch nicht so ganz mein Ding, denn es führte nur in die nächste Tragödie, nach der ich mich mehr sehnte, als nach dem Glück. Ich wusste über die Kurzweiligkeit von Glück schon längst Bescheid, da konnte ich kaum über die ersten Schmetterlinge im Bauch lachen. Und doch habe ich es immer wieder versucht, habe danach gerungen, gekämpft und zu oft geflucht; so wie es mir immer und immer wieder aus den Händen glitt und dahin sickerte; ich hätte mir gewünscht, es hätte einfach öfter nach dir geklungen. Doch ich habe es liegen lassen, in der dunklen Ecke, einst; gewissenhaft hast du dich gleich wie ich entschuldigt, wir haben uns vermisst, wir haben gemeinsam einsam in des anderen Augen geblickt – noch immer die Träume, noch immer der Wahn, wir wollten so sehr und scheiterten doch daran. Es ist schon lang her, ich stürze jetzt nur noch weiter hinab, denn ich bin endlich gesprungen, kann jetzt nicht mehr zurück, nie mehr. Ich weiss und ich fühle deine Trauer und den Schmerz, entschuldige wenn es jetzt so überraschend kam; dass ich nochmal füllte dein Herz. Der Tag und die Nacht, sie haben sich für mich vereint, es ist nicht dunkel und nicht hell, kein Licht am Ende, was leuchtet so grell. Es ist gut und ich bin leicht und seicht und sanft und wach, und ich fühle dich endlich um mich herum, ich hülle mich in dich und lasse nie mehr los – und ich weiss, das macht dich schwach. Doch ich kann nicht mehr, ich bleib bei mir, ich warte einfach mit mir bis du zu mir findest und das mitbringst, worin du unser unendlich Glück begründest.

060217

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