Wenn sie schlief

Ihr Tag war lang, der Aufgaben oft reich gefüllt. Sie fühlte sich oft unsichtbar und unverstanden, schwieg daher und schrie in die Wälder, weinte in die Leere und verbarg ihr Gesicht in Arbeit und lächelte zu jeder noch so Unangenehmlichkeit. Vertraut kam sie nach Hause, der Glanz in den Augen nicht von Freude, sondern fast von Tränen geprägt, das immergleiche Lächeln erkannte er nicht mehr und wies sie ab mit dem Hinweis auf sein Telefon, nachdem sie die ersten paar Sätze zur Begrüssung in den ungewissen Raum gesagt hatte.

Er hat keine Zeit, die Person im Hörer ist jetzt wichtiger und er tut sie mit einem „Wart schnell, Moment, jetzt nicht“ ab – kein Kuss, keine Umarmung, kein Wie geht es dir. Sie setzt sich an den Tisch und denkt kurz nach, versucht sich an den letzten Moment zu erinnern, den sie geniessen konnte. Vielleicht war er in der Bahn, als die Musik zu laut ihre Ohren beschallte, damit kein klarer Gedanke in ihr hochsteigen würde. Vielleicht war er auf der Arbeit, als manche belanglose Unterhaltung sie von der Wirklichkeit weglenkte. Oder ein Lächeln. Eine Umarmung. Ein gutes Wort. Sie weiss es einfach nicht und erhebt sich wieder von ihrem verlorenen Platz an diesem Tisch; packt sich aus, packt die Tasche mit schnellen Einkäufen aus. Sie stellt sich, wie automatisiert, in die Küche und beginnt zu kochen, schnippelt die kleinen Zutaten, mariniert die Grösseren; stellt den Topf mit Wasser auf die Flamme, die Bratpfanne auf die grosse Platte und stellt die Dunstabzugshaube auf ganz stark, sodass das Getöse die Worte an die Person im Hörer mit sich reist und sie in ihre Gedanken eintauchen kann. Freude sucht sie jetzt, und sieht nur das Fett an die Wand spritzen. Glückliche Momente schwirren durch ihren Kopf, gepaart mit Aufgaben von der Arbeit, die noch zu erledigen sind; mit der Wäsche, die immer noch in der Waschmaschine liegt und dem riesigen Stapel an Ungebügeltem, welches auf die zarte Berührung des heissen Bügeleisens wartet. Oh, eine zarte Berührung, denkt sie, wäre auch für sie etwas Schönes. Abschweifend zu den erotischen Phantasien eines Bügeleisens kehrt sie mit dem überkochenden Kartoffelwasser zurück in die Realität und fragt sich, ob das jetzt ihr Leben ist. Kinder gibt es keine, doch die Aufgabenfülle ist nicht so viel anders. Routiniert macht sie weiter, wischt das Chaos von der Platte, kocht und köchelt – wortlos vor sich hin. Der Blick zum Sofa trübt sie, wenn er multitaskend versucht eine aufrichtige Unterhaltung mit der Person im Hörer durch bestätigende oder verneinende Hmhm zu führen, gleichzeitig den Gamecontroller hält und sich auf dem Handy im Internet rumtreibt. Keine Aufmerksamkeit, für niemanden.

Das Essen dann, zu warm, zu kalt, zu salzig, zu geschmacklos; nicht wie beim letzten Mal, nicht ausreichend, nicht genug; schlicht – nicht mehr das beste Essen der Welt und schon gar nicht Danke für das liebevoll zubereitete Mahl. Sie essen, sie schweigen, sich treffende Blicke weichen zur Decke oder zu Boden; belanglose Fragen führen zur Erkenntnis, dass noch weitere Telefonate an diesem Abend nötig sind. Gut, so hat sie noch mehr Zeit für noch mehr Aufgaben. Sie räumt den Tisch ab, sie räumt das Geschirr ein, putzt die Küche, überlegt die nächsten Mahlzeiten, macht Einkaufslisten und Pläne. Pläne für eine Zukunft, die sie sich nicht mehr wünscht, weil alles zu viel ist und sie nur so wenig. Sie hört sich sooft diese Worte an, herablassend, niederschmetternd, einer jähen Unlogik folgend. Und dann denkt sie wieder bei sich: ich muss das ja alles gar nicht. Ich muss gar nichts.

Nach dem Wäsche aufhängen und den aufgeknüpften Gedanken des Gehens sieht sie in den grossen Spiegel, läuft an den kleinen vorbei, erblickt sich immer wieder und traut doch ihren Augen nicht. Das bin nicht mehr ich, das denkt sie sich. Sie huscht von hier nach da nach dort, oben und unten, Wäsche und Müll, Pläne, Listen, E-Mails und schnell noch einen Brief, dann ins Bad – die Dusche als nächster Ort der Lautlosigkeit für alle äusseren Geräusche und der Hof ihrer schreienden Gedanken. Als dann das brennendheisse Wasser auf ihren Körper prasselt, erfährt sie die warme Berührung und ist glückselig für diesen Moment. Der Tag neigt sich langsam dem Ende, es wird Zeit, denkt sie bei sich. Sie steht sehr lange, sieht die Wasserperlen strömen und tröpfeln, mal hart und mal weich ihre Haut herunterrinnen und sieht ihren Körper, nicht mehr 18 zwar, aber dennoch – sie findet sich noch immer schön und fragt sich, wo seine Gedanken sind, wenn er sie sieht und doch nichts sieht.

Noch mal die Fragen, machst du noch dies, mach doch noch das und sie tut wie er sagt. Der Einfachheit halber stellt sie sich nicht dagegen und erhebt nicht das Wort, sie ist zu schwach und sie mag die Streitgespräche nicht führen, die sie phantasierend schon sooft geführt hat, weil sie jedes Mal das gleiche Ende nehmen – ein ganzes Ende, ein trauriges Ende, das Ende der Liebe. Und sie macht nochmal, sie erfüllt seinen Wunsch und legt sich dann zu Bett. Er kommt kurz später dazu und weiss nicht mal, dass erst jetzt ihr Arbeitstag vorbei ist, wenn sie liegt und die Augen endlich schliesst.

Doch wenn sie schlief, oder kurz zuvor, nahm sie, was sie so sehr brauchte und deckte sich mit ihm zu, mit seinen Armen und seiner Wärme und seinem Kuss, wenigstens dem Einen. Und für einen Moment erinnerte sie sich an den letzten schönen Moment, wenn die Welt in seinen Armen kurz stillstand und das Schlechte nicht mehr da war, weil es mit dem Licht gegangen war.

090117

2 Gedanken zu „Wenn sie schlief

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