Thronender T

Wie auf einem Thron, geschmeidig und königlich, sass er in diesem Sessel, an jenem verhängnisvollen Abend vor diesen vielen Jahren. Er war unnahbar und zeigte nicht ein kleines wenig Schwäche, er versteckte alles, was offenlegen würde, wie er im Inneren zerbrechlich ist und sucht, wonach er nicht zu finden glaubte. Seine Anmut war unweigerlich jedem aufgefallen, den er traf. Sein Lächeln, immer vage, immer verschmitzt, liess viele nächtelang grübeln über dessen eigentliche Bedeutung. Er gab ihm keine. Wurde er darauf angesprochen, blieb alles geheimniskrämend verborgen. Er liess die Beine über die Sessellehne hängen, hielt sein Bier fest in der Hand, liess den Blick obgleich zu allen schweifen, dessen Blicke er permanent auf sich wusste. So tat er es an jenem Abend, so tat er es an jedem Abend. Und nur ein einziges Mal, viele, ja ach so viele Jahre später, gab er offen zu, was in ihm verborgen war. Doch an diesem Abend, auf dem Sessel, war er sich seiner sicher. Die geheimnisvollen Augen, der tiefe Blick; sein Gesicht formte durch sein Lachen den schönsten Anblick. Sein Lächeln gab den Blick auf die kleine Lücke frei, die ihn so besonders machte. Seine vollen Lippen umschmeichelten jedes noch so harsche Wort, welches sein Mund preiszugeben vermochte. In seinen Augen lag ein undefinierbarer Glanz, der mit einer Bestimmtheit auf jeden gerichtet war, den er ansah. Seine wundervolle und tiefe Stimme liess die Luft schwingen und verstummte in einem leicht kratzenden Flüstern, wenn er sich zu denen und welchen lehnte, zu denen er sprach. Witzelnd riss er Sprüche und hob dabei die linke Braue gekonnt nach oben, mit dem immerwährenden und markanten Hinweis auf die einkerbende Narbe, die diese zierte. Alles, was ihn umgab, zog er in seinen Bann – seine Aura konnte man erst immer im Nachhinein so richtig begreifen, denn die passierenden Momente waren zu schön, um sie gleich zu verstehen. Bei jedem Anlass wusste er genau die richtige Zeit für sein Auftreten abzuwägen, er kam immer dann, kurz bevor man schon nicht mehr damit rechnete. Er stolzierte zumeist in der weissen Jacke durch den Saal, ein ums andre Mal; versicherte sich immer aller Blicke und liess den seinen unbestimmt umherschweifen, als suche er nichts und schätzte die Gesellschaft, in die er sich gerade begeben hatte, gar nicht. Und wenn er dann doch den einen Blick traf, nach dem er nicht suchte und doch suchte, huschte ihm ein nur einseitig aufziehendes und verschmitztes Lächeln über sein Gesicht das von grossartiger Bedeutung nur so strotzte. Dann verlor sich sein Blick schnell wieder und er ging über in die Gespräche mit seinen Freunden und Bekannten, bei denen er mal am Hofausgang in der einen Örtlichkeit; mal am Tresen in der anderen Örtlichkeit zu stehen pflegte. Tanzen sah man ihn gesamtheitlich nur zwei oder drei Mal, wenn ihm der Alkohol zu Kopf gestiegen war; was äusserst selten in diesem Ausmass zutraf. Doch wenn es ihn einmal erfasste, gab er es zu Liedern preis, die seine Leidenschaftlichkeit weckten und hier und da für Unruhe sorgten, da Mädchenaugen zum Leuchten gebracht wurden, von seinen starken Händen gehalten und zu den ihren Songs geführt zu werden. Der Blick in sein schönes Gesicht aus dieser Nähe, von seinem dunklen, kurzen Haar gerahmt; die stattliche Grösse und breiten Schultern, die die Mädchenarme zu umschlingen versuchten, all das gab dann und wann Anlass für fragende Blicke und törichte Kommentare. Doch niemals gab es eine ehrliche Antwort auf die Fragen, die viele Mädchenaugen stellten. Sein ganzes Wesen war ein einziger Schein, ein Ausdruck von Kraft, von Anmut und Stärke, von der Tatsache, dass er immer genau weiss, was er will und wie er es bekommt – ohne zu fragen, sondern einfach zu nehmen. Er konnte sich dies erlauben, er tat es einfach und wurde so, wie es einst Eine ausdrückte, von allen entweder geliebt oder gehasst. Es gab kein Dazwischen und sie behielt damit auch ganz recht. Und man konnte ihm, trotz der vielen Haudegengeschichten, der vielen Frauen, der vielen Unwahrheiten und Unehrlichkeiten, nicht lange böse sein. Sein liebliches Gesicht und oft nur ein Blick oder eine Umarmung taten alles wieder zu Gute. Tragisch, wenn man bedenkt, dass dieses jähe und kindsköpfige Verhalten manches Leben sehr beeinflusst, sehr verändert haben mag. Und das es für manches Mädchen zukunftsweisend war, was in diesen Jugendjahren um ihn geschehen mochte, war ihm vermutlich nie bewusst; weil er einfach und allein um seiner selbst willen sich selbstgefällig verschwendete. Dann und wann machte er vielen schöne Augen und wusste auch in den richtigen Momenten zu einigen tiefschürfenden Liebesversen zu greifen, die überzeugender als jeder Rosenstrauss und jedes Gedicht anmuteten, dass einmal in einer weit entfernten Zeit ein gemeinsames Glück warten würde. Wie viele Mädchenherzen da gebrochen wurden, kann man anhand des ganzen Scherbenhaufens kaum noch erahnen. Seine zurückhaltende und doch forsche Art, hinterliessen Eindruck der seinesgleichen suchte. Er konnte nett und zuvorkommend, aber genauso alles verzehrend und leidenschaftlich; gleichwohl bösartig und gemein sein, man wusste nie genau, auf wen man traf, je nach Thema und Fasson. Gemeinhin wurde er also gemocht, von wenigen nur gemieden; von vielen wohl beäugt und der Männer anderer Frauen wegen unter besondere Beobachtung gestellt. Er trieb seine Spielchen, er wusste, wie sie liefen, die mit ihm schliefen; er kannte so viele Tricks und Worte, Zauberei gleich, die die Mädchen um den Finger wickelten, als hätten sie nie eine andere Chance gehabt, als ihm zu verfallen. Dabei verfielen gleichwohl die Mütter dem treuen Blick seiner wunderschönen Augen und hielten nur das Beste auf ihn; ganz gleich, wie oft das Herz der Tochter schon gebrochen war – die Hoffnung, die starb nie. So erging es Unzähligen, von denen er teils nicht mal hätte ahnen können, welch tiefe Gefühle sie für ihn hegten. Denn sein Stolz und seine Erscheinung liessen kaum eine überhaupt an ihn herantreten.

Doch dann und wann, in den einsamen Momenten, zwischen den Liedern, zwischen den Zeilen, da konnte man lesen, dass der Stolz das Schutzschild war, damit der Fall vom Thron nicht so offenkundig die Runde machen würde. Hinter all dem Grossen, hinter der Fassade eines Starken befand sich doch, immer hie und da, das zarte Bild, die Liebe, die Einsamkeit und was sich schier unfassbar darin verwoben hatte – die Unsicherheit eines Jungen, der nicht erwachsen wurde; sondern hinter all diesen Mauern zum Schein sich genau dagegen wehrte. Er hatte Momente, in denen er tief blicken liess, in seine Seele und in sein Innerstes. Diese Momente, Sekundentakte, Augenaufschlagslänge; kaum der Rede wert, gaben doch so viel Preis über die innere Zerrissenheit, die ihm nicht allein zuteilwurde, doch die er verborgen hielt. Freundschaften bedeuteten ihm alles und vielleicht auch die ein oder andere Liebe ein bisschen mehr. Er pflegte seine Kontakte, er hielt Wort und versprach nur, was er auch halten würde. Er verbarg stets seine Enttäuschung, wenn ihm in diesen Dingen Unrecht getan wurde.  Er verriet nie sein wahres Gesicht, wenn er traurig war; er hielt inne und suchte zu Lachen, wo es nur ging. Doch das verriet ihn irgendwann, das unechte Lachen zu jeder Gelegenheit; das ruhige Gespräch und der fragende Blick – wohin würde es ihn führen, wenn er den Weg weiter ginge, als er ihn bisher verfolgte? Und er erlegte sich selbst die Bürde auf, fremde Ziele zu verfolgen und geebnete Wege zu gehen, zu deren Fussabdrücken seine Schuhe nicht passten. Bald wurde es ihm überdrüssig, er suchte sich selbst und suchte bei denen und welchen, fand sich doch aber immer nur dort, wo er am wenigsten damit rechnete und gestand es sich doch niemals ein. In dieser Blase, in dieser Nichtrealität, die er manchmal zu schaffen wusste, war er einfach er und nicht ein anderer, nicht der Starke und nicht der Held; denn in dieser anderen Welt blieb für einen Abend oder eine Nacht die Zeit stehen; egal in welchem Chaos das Leben gerade stattfand, dort war es vergessen und auch nur ach so schnell wieder vorbei. An diesem Punkt, nach vielen Jahren, fast fünfzehn Jahre nach dem Sesselabend, an dem er thronend das erste Mal in diese Mädchenaugen sah; kam er an den Punkt, dass die Wahrheit zu sprechen endlich eine gute Idee wäre. Und ein letztes Mal brach er ihr Herz und ein letztes Mal verliessen wegen seiner wieder Tränen diese Mädchenaugen.

Er erlöste sie. Und er löste sich. Und er war frei.

030117

 

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